Lieder der Liebe und der Sehnsucht Op.20

Unter diesem Titel vereinigt der Komponist scheinbar heterogene Liedsammlungen, die in verschiedenen Perioden seines Schaffens entstanden.

Zunächst als zusammenhängender Zyklus geplant, zeugt das auch heute (1998) noch nicht fertiggestellte Werk von der Vielseitigkeit und Gestaltung menschlichen Gefühlslebens, von der Entwicklung jenes Zustands, dem wir durch die Worte Liebe und Sehnsucht Flügel verleihen wollen.

Die Dichter der hier vertonten Worte zeugen von der Kreativität und der Fantasie des Individuums, das beseelt von der Aura innigster Liebe und Erotik aufs immer Neue diese ursprüngliche Triebkraft in Worte und Töne bannt.

Bislang sind zwei knappe Teile des Werks entstanden, die Lieder nach Worten der Else Lasker-Schüler und die Heine-Fragmente. Ein Jahrzehnt liegt zwischen den beiden Teilen, die die bislang einzige fertiggestellten Werke der Gattung Lied des Komponisten sind.

I. Zwei Lieder nach Gedichten der Else Lasker-Schüler

Knapp nachdem der Komponist den 1986 zum ersten Mal vergebenen Ernst Krenek Preis der Stadt Wien erhalten hatte, wurde er vom Musikprotokoll des Steirischen Herbst eingeladen, zwei neue Werke beim Musikprotokoll 1987 zu präsentieren. Simultan entstanden "ich bin es ohne daß es mir gleicht" nach Texten von Mewlana Dschelaleddin Rumi, des großen islamischen Mystikers in der poetischen Übersetzung und Umdeutung von Michael Cerha, und einige Lieder (nach Texten von Else Lasker-Schüler, Rilke und Trakl), die der Komponist unter dem Titel Lieder der Liebe und der Sehnsucht I zusammenfasste, einem Werk, dem ursprünglich noch mehrere Teile folgen sollten.

Eine Revision dieses letztgenannten Werks (für Sopran und Kammerensemble) bewegte den Komponisten dazu, es zurückzuziehen und zwei der Lieder (die nach Texten der Else Lasker-Schüler) einer Neubearbeitung zu unterziehen. Diese Neubearbeitung (1995) umfasste nicht nur eine Neuinstrumentierung, sondern auch die Neugestaltung einer zusätzlichen Klavierfassung, sodaß heute zwei Fassungen dieses Werks Zwei Lieder nach Gedichten der Else Lasker-Schüler vorliegen.

Die Lieder sind Donna Robin gewidmet, mit der der Komponist seit 1988 verheiratet ist, und die das Werk in der Erstfassung 1987 gesungen hat. Begleitendes Ensemble war damals das Ensemble Wiener Collage, gleichzeitig die Geburtsstunde des Ensembles.
Sie erschienen 1998 auf der CD "10 Jahre Ensemble Wiener Collage". Nun schlummert meine Seele (1,1 MB)

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II. Heine-Fragmente

Das EWC hatte für 1997 ein größeres Heine-Projekt mit Beiträgen von 6 verschiedenen Komponisten geplant. Als sich dieser nicht realisieren ließ, hat man die Heine-Fragmente
von René Staar als einziges fast vollendetes Werk in das Jubiläumskonzert des Ensembles integriert.

Die beiden vom Komponisten verwendeten Gedichte Heines sind "Die Lotosblume", jenes berühmte Liebesgedicht aus dem "Lyrischen Intermezzo", das den Musikkennern durch die Schumann´sche Vertonung geläufig ist und ein spätes Werk des Dichters " Lotosblume", in dem sich Heine Jahrzehnte danach, sterbenskrank und ans Bett gefesselt, von letzten Liebe, "Mouche" betreut, ironisch auf die berühmte romantische Eigendichtung bezieht.

Die Heine-Fragmente erweisen sich für den Komponisten als ein vieldeutiges Experiment.
Nicht als Nachkomposition Schumanns gedacht, auch nicht als kritische Aufarbeitung eines romantischen-romantisierenden Idioms, so wirkt diese "Neu"-Vertonung wie eine surreale Skizze.

Dieses Stück füllt zunächst durch seine irisierenden harmonischen Strukturen auf, wodurch der Komponist auch etwas ganz anderes als Schumann ausdrücken wollte. Nicht nur ein in poetische Sprache ausgedrücktes Gefühl wird hier wichtig, sondern der Klang der Sprache an sich und die tiefe Symbolik, die hinter den Worten steht. Sonne und Mond sind der Sehnsucht gleichgestellt, die sich in der letzten, exaltierten Strophe des ersten Gedichts offen manifestiert und auf die das zweite Gedicht ironisch Bezug darauf nimmt.

Das zweite Lied kontrastiert in seiner Haltung zum ersten vor allem durch den Galgenhumor, der hier zutage tritt. Die naive Liebessehnsucht des ersten wird durch das Bewußtsein um Krankheit und nahendem Tod auf eine andere Ebene verrückt.

Nicht eine Grundstimmung war hier für die Komposition ausschlaggebend, sondern die Durchdringung verschiedener Bewußtseinsebenen, wie sie für die Sehnsucht charakteristisch ist. Im Verhältnis zu seinen früheren Else Lasker-Schüler-Liedern ist hier die Tonsprache Staars viel abstrakter, radikaler, geworden. Die Gesangslinien sind dem harmonikalen Ablauf stets unterworfen, deren Linie in das Gesamtspektrum der Komposition eingebettet erscheint.
Die Instrumentation spiegelt den ebenfalls den Kontrast zwischen beiden Gesängen wieder und ist der Entwicklung des Ensemble Wiener Collage entsprechend durchsetzt von eigenwilligen Klangfarben, die ein nicht durchwegs gebräuchliches Instrumentarium provoziert.

Der Komponist hat hier erstmals die seinem Werk innewohnenden Harmonieverbindungen
mit einem neuen, gemeinsam mit Gottfried Hinker entwickelten Computerprogramm generieren lassen, was zu neuen kompositorischen Erkenntnissen führte, die in die Lieder miteinbezogen wurden.

Das Werk entstand zwischen Herbst 1996 und Sommer 1997.