METAMORPHOSEN EINES LABYRITHS, Op.22a

Von der klassischen Minotaurussage bis zu den psychoanalytischen Seelenwanderungen unseres Jahrhunderts hat sich das Labyrinth immer wieder als wandelbares Symbol erwiesen. Die Undurchdringlichkeit des Wissens und der technologischen Machbarkeit unserer Zeit, die Unfähigkeit des Menschen, kausale Zusammenhänge zu begreifen und zu beherrschen, stellen ein neuartiges Labyrinth dar, scheinbar ausweglos und mit Zukunftsängsten durchsetzt. Paradoxerweise erliegt er aber auch der Faszination des Neuen, Unerwartetem und provoziert so stets andere Metamorphosen dieses Labyrinths. So erweitert es sich auch zu einem Gefühlslabyrinth zwischen Lebensrausch und Verzweiflung. Franz Kafkas "Brief an Felice" offenbaren Ängste des Künstlers, eine feste Bindung mit einem geliebten Menschen einzugehen, die seine schöpferischen Kräfte einengen könnte, und das gleichzeitig schmerzliche Verlangen, für einen Menschen sich auszudrücken in seiner Kunst, die gar nicht von eben diesem Menschen verstanden wird. Dieses Labyrinth, dessen unsichtbare Mauern die Umwelt ist und dessen geheime Gefangene unsere Gefühle sind, bildete den Anstoß zum Werk von René Staar.

Die Einzelperson, das Individuum (dargestellt durch die Solovioline), wird dabei mit der labyrinthisch anmutenden Umwelt (dem Streichensemble) konfrontiert. Räumliche Komponenten werden dabei genauso genützt (u.a. in verschiedenen Aufstellungen des Ensembles) wie musikalisch-motivische und harmonische Arbeit. Ihre Überschriften - wie z.B. Erwachen im Labyrinth, die Unentrinnbarkeit des Labyrinths, oder die Schönheit des Labyrinths,- drücken sowohl den sprunghaften Wandel unserer Gefühle (durch die Solovioline) aus, als auch die unabänderlichen, unbeirrbarsten Metamorphosen unserer Umwelt, des Labyrinths. Das Streben des Menschen nach Befreiung aus dem Labyrinth führt ihn nur zu der Erkenntnis, daß er in einem neuen größeren, vielleicht faszinierendem, vielleicht grausamen Labyrinth gefangen ist.

Die Anregung zu dem Werk, da René Staar mit Hilfe der von ihm entwickelten Akkorddispositionstheorie schrieb, stammt von Philippe Entremont, der den Komponisten und seinen Textautor Alan Levy 1986 anläßlich der Uraufführung von "Just an Accident ?" in New Orleans bat, eine Oper zu schreiben, die auf Kafkatexten beruhen sollte. "Metamorphosen eines Labyrinths" entstanden sozusagen als Prolog zu diesem Werk im Frühjahr 1991.

Das Werk dauert ca. 17 Minuten
Gewidmet: den Wiener Streichersolisten "in memoriam" Christian Zalodek
Uraufführung der 1. Fassung: 1991, Festival de Paris
Uraufführung der 2. Fassung: 1992 in Sendai, Japan