La Fontaine de sang Op. 22b

Das Werk entstand parallel zur "Metropolitan Midnight Music" Op.22d und den 6 Skizzen für Streichquartett "Versunkene Träume" Op.22c unmittelbar nach dem Ableben des Vaters des Komponisten in den Jahren 1992/93. Als Kompensation zur Trauer über den Vater wurde René Staar von einer geradezu hektischen Kompositionstätigkeit ergriffen. Im Gegensatz zu den anderen beiden Stücken ist jedoch "La fontaine de sang" vom gleichnamigen Sonett aus den "Fleurs du Mal" (deutsch: "Blumen des Bösen") von Charles Baudelaire inspiriert.

DIE BLUTFONTÄNE

Mir scheint, zuweilen rinnt mein Blut in Wellen,
Wie Schluchzer rhythmisch aus Fontänen quellen.
Ich hör es lange murmelnd weiterhasten,
Versuch umsonst die Wunde zu ertasten.

Die ganze Stadt durchfließt es in Gerinnseln,
Aus Pflastersteinen macht es kleine Inseln,
Es löscht das Dürsten jeder Kreatur
und rötet allerorten Wald und Flur.

Nur einen Tag, so bat ich oft den Wein,
Betäub die Ängste, welche an mir zehren;
Doch Wein macht Aug und Ohr besonders fein!

Vergessen konnte Liebe nicht bescheren;
Mit Nadeln ist das Lager mir gespickt,
Grausame Mädchen werden dort erquickt!
(Übersetzung: Monika Fahrenbach-Wachendorff)

La Fontaine de sang

Il me semble parfois que mon sang coule à flots,
Ainsi qu’une fontaine aux rhythmiques sanglots.
Je l’entends bien qui coule avec un long murmure,
Mais je me tâte en vain pour trouver la blessure.

Àtravers la cité, comme dans un champ clos,
Il s’en va, transformant les pavés en îlots,
Désaltérant la soif de chaque créature,
Et partout colorant en rouge la nature.

J’ai demandé souvent à des vins captieux
D’endormir pour un jour la terreur qui me mine;
Le vin rend l’œil plus clair et l’oreille plus fine!

J’ai cherché dans l’amour un sommeil oublieux;
Mais l’amour n’est pour moi qu’un matelas d’aiguilles
Fait pour donner à boire à ces cruelles filles!

Das Bild dieser Blutquelle, aus der das Herzblut verströmt, wurde zum Ausgangspunkt für eine Komposition, die im wesentlichen wie ein Konzertsatz sonatensatzartig mit eingebauter Solistenkadenz gebaut ist, ohne jedoch mit einer großen Orchestereinleitung zu beginnen. Das Werk ist in seiner Aussage hochexpressiv und setzt die Linie der wichtigen der Entwicklung seiner Akkorddispositionstheorie dienenden Stücke fort, die da mit "....ich bin es, ohne daß es mir gleicht" im Jahr 1987 begonnen wurde.

Dauer ca. 12 Minuten.