"Descendances imaginaires" Op.22 f (Erträumte Herkunft)

pour deux orchestres à cordes accordés avec un quart de ton d´écart
(für zwei Streichorchester im Abstand eines Vierteltons gestimmt)

L´Océan des Souvenirs (Im Meer der Erinnerungen)

Mehrere Ideen führten zur Realisation des vorliegenden, heute uraufzuführenden Werks. Zum einen viele persönliche Erinnerungen, zum anderen das Rätsel der eigenen Herkunft, zum dritten die Wiederbegegnung mit meiner Geburtsstadt Graz, die wie ein Brennpunkt den Wunsch entstehen ließ, ein "quasi" autobiographisches, vielleicht auch ein "steirisches" Werk entstehen zu lassen.

Doch die Frage nach der eigenen Herkunft weitete sich bald aus, weit über den familiären oder geographischen Bereich stellten sich mir mehr und mehr drängende, ja quälende Fragen, wozu auch die politische Situation im Österreich beitrug. Die Frage nach der Herkunft wurde zur Frage nach der eigenen Geschichte, der Geschichte der Begegnungen, der Erfahrungen, der Menschen, der Reisen, die man erlebt hat. Aber auch der unbewussten Herkunft, ja einer Geschichte kollektiven Erinnerns, des Erinnerns an Auschwitz und Hiroshima und der damit verbundenen Schuld aller Menschen, an frühere Genozide und Verfolgungen , an Hexenverfolgung und Inquisition, an Sklaverei und Menschenopfer bis zurück zum Exodus der Menschheit aus Afrika vor ca. 200.000 Jahren.Herkunft transzendendierte von der Idee eines Heimat und Familienbewusstseins zur universellen Metapher für die Verbundenheit mit der Welt an sich, egal, ob man die Faszinazion einer noch nie gehörten Sprache erlebt, den Geruch einer zum ersten Mal besuchten Stadt erlebt oder vielleicht einem 110jährigen die Hand schüttelt. Das Wunder des Lebens und des Erlebens steht über allem. Diejenigen, die allerdings ihre Augen, Ohren, ihr Bewusstsein verweigern, wird es nicht gegeben sein, dieses Wunder zu erleben.

Und so vermischen sich Gedanken, Erinnerungen, Ideen und Vorstellungen zu imaginären Landschaften, imaginärer Herkunft, imaginärem Heimatbewusstsein, imaginärem Fernweh, einer imaginären Geographie und Geschichte, ----

Das heute uraufgeführte Werk ist Teil eines größeren "work in progress" und als Teil eines umfassenden Werkkomplexes eine Vorarbeit zu einem künftigen musikdramatischen Werk, das Staar in Zusammenarbeit mit seinem Librettisten Alan Levy plant. Dieser Werkkomplex umfasst so divergierende Kompositionen wie die Metamorphosen eines Labyrinths, 1991 für die Wiener Streichersolisten geschrieben und beim Festival de Paris uraufgeführt, die sechs Skizzen für Streichquertett Versunkene Träume, 1993 vom Küchlquartett im Wiener Musikverein uraufgeführt, die Orchesterwerke Metropolitan Midnight Music (1993) und die noch nicht fertiggestellten Klischees (der Komponist arbeitet seit 1995 daran) und La fontaine du sang (1992/93) für Violine und Orchester.

Descendances imaginaires ist der Titel für mehrere Stücke für zwei im Abstnd eines Vierteltons gestimmte Streichorchester. Das erste entstnd im Januar/Februar 2000 unter dem Titel L´océan des souvenirs (Im Meer der Erinnerungen). Dieses Stück geht musikalisch von der Idee aus, drei tonale Ebenen - Ganztonmusik, Halbtonmusik (Chromatik) und Vierteltonmusik zu verschmelzen und zu kontrastieren. Dies geschieht in Form eines Prozesses, der drei verschiedene Stadien durchläuft, einer Exposition, die vor allem von Chromatik und deren suksessiver Auflösung lebt, einem gefestigten mit Mouvements betitelten 2. Teil und La Chanson du subcncient (Gesang des Unterbewusstseins) die einzige echte mehrstimmige Vierteltonmusik des Stücks - sie wird Ausgangspunkt und damit die echte Exposition für die weiteren noch nicht geschriebenen Teile der "Descendances imaginaires" sein.