DIVERTISSEMENT SUISSE Nr. 5 (Op. 10 Nr. 5)
pour flûte, alto et harpe

Neufassung 1996/97 in sieben Sätzen
Uraufführung am 20. März 1997 bei den Hörgängen im Wiener Konzerthaus

I Pensées

Premier évolution :
II Air pour Dieter
III Gopak à la mémoire du Nathan Milstein
IV Mouvement perpétuel à la mode de Jean Tinguely

V Transformations

Deuxième évolution:
VI Eloge à la mémoire de Monsieur Paul Grüninger
VII La dernier adresse de la société anonyme pour l´exploitation du vocabulaire dadaïste

Notizen zum Werk:
Die Divertissements Suisses (Op. 10) stellen einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Biographie des Komponisten René Staar dar. Konzipiert wurde der Werkkomplex 1983 während des Genfer Aufenthalts des Komponisten. Er war zunächst gleichermaßen als Verarbeitung von Eindrücken von Menschen und Landschaften in heiterer Form wie auch als kritischer Bericht des eigenen Ichs und der diese Individualität umgebenden Gesellschaft gedacht.

So entstanden dann auch zwischen 1983 und 1986 zwei größere Kammermusikwerke unter dem Titel Divertissements Suisses Nr. 1 und 2 und einige Fragmente der geplanten Divertissements Nr. 3 und Nr. 4. Die beiden ersten Werke sind in einer Periode entstanden, in der der Komponist besonders mit Zitaten arbeitete. Das erste der beiden ist ein fünfsätziges Trio für drei Klarinetten "in memoriam Igor Strawinsky", der ja während des Ersten Weltkriegs in Morges am Genfer See wohnte und dessen "L’ histoire du Soldat" dort entstand. Das zweite - ein achtsätziges Septett für Streichquartett, Flöte, Klarinette und Cembalo - nennt sich "Noël à Genève" und verarbeitet in selbstironischer Weise Gedanken eines Spaziergängers durchs weihnachtliche Genf. Teile dieses dem Genfer Arzt und Freund des Komponisten Pierre Duchosal gewidmeten 2. Divertissement Suisse bearbeitete der Komponist dann nachträglich auch für Klavier und andere Instrumente.

Fast gleichzeitig zur Jahreswende 1984/85 begann der Komponist mit den Divertissements Suisses Nr. 3 und 4, von denen jedoch nur einzelne Sätze fertiggestellt wurden. Das Fragment Danse Vision I (Satisfaction), eine Paraphrase auf Astor Piazollas Erneuerung des argentinischen Tangos und der einzige bisher vollendete Teil des Divertissements Nr. 3, wurde 1986 in einer Fassung für Violine und Klavier in New York uraufgeführt und seither oft gespielt. Das Divertissement Suisse Nr. 4 war als Trio für Violine, Klarinette und Klavier und Persiflage auf die Barockmusik-Mode der Schallplattenindustrie in alten kompositorischen Formen konzipiert worden, bisher wurde jedoch nur eine Invention vom Komponisten fertiggestellt.

Zu Beginn des Jahres 1986 gab Staar seinen Genfer Wohnsitz auf und teilte seine Zeit hauptsächlich zwischen Wien (wo er freischaffend tätig war) und den USA (wo er unterrichtete) auf, bis er 1988 endgültig nach Wien zurückkehrte. Dies führte unvermittelt zu neuen Projekten, andere Prioritäten mußten gesetzt werden (u.a. auch die Gründung des Ensemble Wiener Collage 1987) und damit war an die Weiterführung der Divertissements Suisses zunächst nicht zu denken.

1994 wendete sich der Soloflötist der Wiener Philharmoniker, der Schweizer Dieter Flury, an Staar mit der Bitte um ein neues Werk in der Besetzung Flöte, Viola und Harfe. Dies bot dem Komponisten die Gelegenheit, die Arbeit am Werkkomplex "Divertissements Suisses" wieder aufzunehmen. Bis zur geplanten Uraufführung des Werks im Dezember 1994 hatte Staar ein viersätziges Werk komponiert, dem er nun für die Aufführung bei den Hörgängen drei weitere Sätze beigesellte.

In der neuen siebensätzigen Fassung weist das Werk zwei Sätze auf, die zunächst ganz prinzipiell das gewählte Material (drei- bis sechsstimmige Abwandlungen eines Grundakkords und seiner Umkehrung) musikalisch "zubereiten". Es sind dies der erste Satz Pensées und der fünfte Satz Transformations, sie determinieren das Material, verschaffen ihm einen neuen Ansatzpunkt.

Auf diese für den Verlauf des gesamten Werks bestimmenden Sätze folgen mehrsätzige Teile, die der Komponist als évolution bezeichnet. Die Premier évolution umfaßt drei Sätze: ein langsames Air pour Dieter (dem Auftraggeber des Werks), einen Gopak à la mémoire du Nathan Milstein (Staar besuchte in den siebziger Jahren einige seiner Zürcher Meisterkurse), der nach Worten des Komponisten "wie ein TGV durch ein Bild von Hieronymus Bosch rasen sollte" und als absurdes Stück im fünf Sechszehnteltakt komponiert wurde und schließlich ein in variabler Länge interpretierbares Mouvement perpétuel à la mode du Jean Tinguely.
Tinguely ist jener westschweizer Künstler, der als Erfinder der kinetischen Kunst mobile Skulpturen und Brunnen schuf, scheinbar zu dem einzigen Zweck, unnütze Bewegungen und Lärm zu erzeugen, quasi ein später Nachfahre des Dada.
Analog dazu stellt der Mouvement perpétuel eine lautmalerische Kulisse mit drei Ebenen dar, - Flöte im Flüsterton, quasi con sordino, Viola pp sul ponticello, Harfe Arpeggienglissandi - die durch ein an der Harfe befestigtes mitschwingendes Metallkettchen klanglich zusätzlich verfremdet werden. Weiters stellt der Komponist den Interpreten vier Alternativschlüsse zur freien Auswahl, überdies auch die Möglichkeit, das Werk bis hin zu einer bestimmten Zeitbegrenzung nach streng umrissenen Regeln selbst weiter zu komponieren (Eine Anleitung dazu liegt der Partitur bei).

Die Deuxième évolution umfaßt zwei Sätze. Der sechste Satz ist dabei als Huldigung an den St. Gallener Polizeihauptmann Paul Grüninger geschrieben. Grüninger verhalf zwischen 1938 und 1939 vielen österreichischen Flüchtlingen zur Einreise in die Schweiz, obzwar die Schweiz strenge Einreisebeschränkungen erlassen hatte. Er wurde dafür vom Dienst suspendiert, letztlich auch entlassen und erst kürzlich - Jahre nach seinem Ableben - rehabilitiert. Der siebente Satz ist als Pendant dazu Exilanten gewidmet, die während des ersten Weltkriegs in Zürich Zuflucht suchten - und dort prompt eine neue Kunstrichtung, den Dada, schufen. Drei der Proponenten dieses Dada schrieben als Autorengruppe unter dem Pseudonym Société Anonyme pour l´exploitation du vocabulaire dadaïste . Der Komponist hat nun als selbsternanntes (Post-) Mitglied der "Société" den siebten Satz als La dernier adresse de la société anonyme pour l´exploitation du vocabulaire dadaïste seinem 5. Divertissement angehängt.

Zwischen den früheren Divertissements und dem heute aufgeführten 5. Divertissement liegen neun Jahre, daher sind auch die stilistischen Unterschiede doch deutlich merkbar. Die Tonsprache Staars erscheint radikaler, rücksichtsloser gegen sich selbst und den Hörer. Grundlegende Strukturen sind wichtiger geworden als das Spiel mit den Parametern, das Skelett wichtiger als das es umgebende Fleisch. Während die früheren Stücke dieses Werkzyklus einer Welt angehören, die zutiefst der ersten Generation der Moderne (der Wiener Schule, aber auch Strawinsky und Bartók) verpflichtet ist, begegnen wir im vorliegenden 5. Divertissement einer bewußt anderen Sphäre, die der Komponist selbst in den letzten Jahren mit Werken wie seinem Streichquartett Versunkene Träume, den Bagatellen auf den Namen György Ligeti oder Rinne ten-sho geschaffen hat.