THE FORTUNES OF WAR

René Staar über die Arbeit an seinem Kammerspiel "Fortunes of War" (Libretto von Amy Leverenz)

".......Verwirrend für den Betrachter mag auch die Entstehungsgeschichte der meisten meiner Werke wirken. Dadurch, daß ich stets an mehreren Projekten gleichzeitig arbeite und sich durch meine mannigfaltigen anderen Tätigkeiten manchmal große Unterbrechungen im Schaffensprozess ergeben, haben es nur sehr wenige meiner Werke bis zur endgültigen Fertigstellung gebracht. Eine Unzahl von Provisorien, Plänen, Skizzen, Harmoniestudien, rhythmischen Diagrammen, Particell-Seiten umgeben zumeist den Schaffensprozess.

Im Falle der Miniaturoper "The Fortunes of War" verhält es sich so, daß diesem zweiten Versuch, ein Werk für die Bühne zu schreiben (der erste war eine Minotaurus-Skizze für eine(n) Tänzer/Tänzerin und Violine) viele - ich denke, es müssen über zwanzig gewesen sein - Bühnenprojekte vorausgingen. Die Ohnmacht des Individuums in einer politisch und gesellschaftlich determinierten Welt interessierte mich dabei besonders.

Als mich nach vielen Gesprächen mit Amy Leverenz - der Librettistin dieses Kammerspiels - und Dieter Kaufmann die Figur des Al Capone fixierte, wurde die Idee eines vielschichtigen Operneinakters geboren. Nachdem die Realisation 1997 - zur 50. Wiederkehr des Todestages Capones - nicht finanziert werden konnte, mußte das Projekt zunächst zu den Akten gelegt werden. Als eine realistische Möglichkeit der Aufführung mit allerdings sehr knappen finanziellen Möglichkeiten für 1999 wieder auftauchte, entschloß ich mich zu einer radikalen Reduktion meines Projekts.

Ich wählte lediglich fünf Szenen aus, die mir charakteristisch für die zwei Gegenpole Capones erschienen: Der gute Familienvater, harmlose, freundliche Opernliebhaber, der seiner Mutter und anderen gerne seine selbstgekochten Spaghetti anbietet, konkurriert mit dem eiskalten Beherrscher der Unterwelt von Chicago. Die verschiedenen Facetten ein und derselben Person, das war es, was mich bereits viel früher an dem Projekt interessiert hatte.

Nachdem Dieter Kaufmann mir von seiner Absicht erzählt hatte, eine Art Collage aus allen vier für das Projekt geschriebenen Stücken herauszuarbeiten, wurde mir klar, daß ich ihm ein Material in die Hand geben mußte, das durch einer Art Baukastensystem verschiedenste Möglichkeiten für ihn offen ließ. Mit anderen Worten bedeutete dies, ein in fünf Nummern unterteiltes Stück zu schreiben, dazu aber ein Prelude und vier Interludien beizugeben, die ad libitum vom Regisseur verwendet oder nicht gespielt werden würden. Allerdings bedeutet das für mich, daß die Fertigstellung dieser Teile kaum das Ende meiner kompositorischen Arbeit an diesem Thema sein würden, zumal neben der extremen Verknappung der Aussage über diese spannende Figur des 20. Jahrhunderts auch die eingeschränkten Instrumentationsmöglichkeiten (2 Sänger, 2 Sprecher, 7 Instrumentalisten) letzten Endes hemmend wirken mußten. So möchte ich denn die vorliegende Partitur als "Miniaturfassung" eines noch zu schreibenden Kammerspiels über Al Capone bezeichnen.

Die Gegebenheiten brachten es mit sich, daß jede Szene seine eigene harmonikale und Ereigniskomponente haben mußte. So lebt "What a life" insbesonders durch den Zwiespalt der Bewußtseinsebene eines volltrunkenen Mannes - eben Al´s. Seine irrealen Bewegungen werden von der Musik auch provoziert, die bereits komplexe Rhythmen weiter synkopiert.

"Times have changed" spielt in zwei Ebenen, der Ebene Al´s, der unbewußt Druck auf seine Leute ausübt, und der stummen Nebenhandlung der neugierigen Jazzmusiker, die sich auf die Musikkonserve, die Schallplatte stürzen, um die neuesten Entwicklungen des Tango´s aufgreifen zu können.

Zwischen "Times have changed" und dem abschließenden "Service is my motto" existiert eine formale Verwandtschaft, obzwar die Gestaltung grundverschieden verläuft. Auch hier gibt es eine Spaltung in zwei Ebenen, die jedoch beide in Al´s Innerem ablaufen und somit mehr introvertiert erscheinen.

"Che bravo ragazzo" wieder läuft ab, als ob man während eines starken Erdbebens von einer zur anderen sich in stets anderen Tempi bewegenden Erdscholle springen müßte. Lug und Trug stehen in diesem Stück neben dem platten Versuch, diese Lügen zu verbergen. Der nichtsahnenden Mutter gaukelt Al die heile Welt vor. Die dem Stück zugrundeliegende Temporelationstechnik macht das Stück zum Schwierigsten der Partitur.

"Valentine´s Day Editorial" wiederum stilisiert das Geräuschspektrum des den Reporter umgebenden Straßengewühls aufgeregter und neugieriger Menschen. Das Prelude und die Interludes bereiten den Zuhörer auf das jeweils nächste Stück vor. Außerdem steht am Beginn jeder Szene ein kürzest möglicher Einleitungsteil, um den Zuhörer in die jeweilige tonale Ebene der Szene einzuführen......"

THE FORTUNES OF WAR

appr.
time
A PRELUDES 1’’
clar, sax, acc, pno, perc., vl., db, perc. vibraphone + susp cymbal
1 WHAT A LIFE 2’20’’
Al (Tenor)
clar, sax, perc, pno, db, perc. vibraphone + susp. cymbal

Der Spruch: "Was kostet die Welt!" hätte von Al sein können. Er ist 29 Jahre alt und schwelgt in seinem Erfolg. Er genießt es einerseits die Frauen maßlos zu verwöhnen, andererseits junge Senkrechtstarter im Zaum zu halten. Die Macht macht’s möglich. Und dazu paßt auch eine gehörige Portion Kokain. Al fühlt sich an allen Fronten von Glück gesegnet.

B Interlude 1 1’
clar, sax, pno
2 TIMES HAVE CHANGED 3’30’’
Al (Tenor), Jack (Speaker), the boys (speaking roles)
clar, pno
behind on stage: vl, bandoneon, db, perc.
perc: guiro, tomtoms, crotales

Al und seine Kumpanen sitzen gemütlich zusammen in einer von Al’s illegalen Bars (Speakeasy). Sie amüsieren sich gerade über eine detaillierte 20 Jahre alte "Dienstleistungs"-Preisliste, die vom Ohrabschneiden ($15) bis Armbrechen ($19) bis zur "Ganzen Arbeit" ($100) reicht. Al betont, daß die Bezahlung heutzutage wesentlich besser sei. Seine Handlanger stimmen begeistert zu - wie zu allem, das der Boß sagt. Der einzige der es wagt unliebsame Vorschläge zumachen ist auch sein einziger Vertrauter: der jüdisch Buchhalter Jack Guzik. Jack beschwert sich über die steigenden Unkosten und empfiehlt eine 10 %ige Bierpreiserhöhung. Al gibt sich skeptisch, schon allein deswegen, weil er selbst nicht darauf gekommen ist.

C Interlude 2 1’30’’
clar, acc, perc, pno, db,
perc. vibraphone
3 CHE BRAVO RAGAZZO 4’
Al(Tenor), his mother (Mezzo)
clar, sax, acc, perc, pno, db, perc. hoop, susp. cymbal, claves, vibraphone

Al steht in seiner Küche und kocht. Er hat wiedereinmal die halbe Nachbarschaft zum Essen eingeladen. Seine Mutter, eine Emigrantin aus Neapel, leistet ihm Gesellschaft und sie kommen ins Plaudern. Sie fand das Leben in Brooklyn, am Hafen, mit Al’s inzwischen verstorbenen Papa viel schöner als Chicago Heights. Al schwärmt von der Luft am Michigan See und ist einfach froh und dankbar seine ganze Familie nach dreijähriger Einsamkeit wieder um sich zu haben. Sie gibt zu, daß er ein schönes Zuhause und eine gute - obwohl irische - Ehefrau hat. Nur die dicken Eisenstangen, sogar im Badezimmer versteht sie nicht. Er sagt, daß er sich gerne im Bad sicher fühlen würde.

D Interlude 3 1’
acc, pno
4 VALENTINE´S DAY EDITORIAL 3’30’’
Journalist (Speaker, male or female)
clar, perc, pno, db,
perc. side-drum, 2 temple blocks, bass drum (with foomachine), hi-hat, wind machine

Ein Journalist empört sich über Amerikas feudale Verhältnisse am Beispiel des aktuellen St. Valentine’s Day Massakers. Obwohl er nichts dagegen hat, daß ein Gangsterkommando sieben weitere Gangster umbringt, fragt er, wozu man jene vielgepriesenen demokratischen Gesetze und Gerichte hat. Wie kann Amerika "Land of the Free, The Home of the Brave" sein, wenn das uralte Gesetz des Stärkeren nach wie vor herrscht?

E Interlude 4 1’40’’
sax, perc, pno, db,
perc. 2 drums high/low, (tomtoms)
5 SERVICE IS MY MOTTO 3’
Al(Tenor)
clar, sax, acc, perc, pno, db,
perc. cencerro, sliding whistle, susp cymbal, 2 tomtoms, temple blocks, vibraphone, crotales

Al ist desillusioniert. Er hat das Gefühl, daß seine Serviceleistungen (Gewinnspiele, Alkohol, Prostitution) nicht gebührend geschätzt werden: er ärgert sich über die Doppelmoral, die besonders in den oberen Etagen herrscht; sie kaufen gerne seine "Ware" ein und dann schimpfen sie ihn "Bootlegger" (Alkoholpantscher). Er wiederum sieht sich als unparteiischer Arbeitgeber, Schlichter in der Lokalpolitik und Helfer der Hungernden. Er hat eigentlich genug von diesem Dauerkampf um den Frieden und freut sich darauf nach Florida zu ziehen, wo der Wind sanfter weht.

double bassin solo tuning
total duration
22’ 30’’