GEMINI
Duos für Violine und jeweils ein anderes Instrument

Werkbeschreibung zu den Nummern A1-A10

In seinen Werken geht der Komponist René Staar von verschiedenen Phänomenen aus, die ein oberflächlicher Betrachter nicht unbedingt der Musik zuordnen würde. Rhythmen und Klänge bilden dabei ein Urgestein, das der Komponist in eigener Weise bearbeitet. Der Zusammenklang verschiedener Töne hat seit jeher Musiker verschiedenster als Kulturen so sehr beschäftigt, daß ganze Generationen Systeme, Modelle und Schulen entworfen haben, die schließlich zu dem geführt haben, was wir heute als "europäische" Musikkultur betrachten. Harmonielehre und Kontrapunkt haben sich dabei als Disziplinen entwickelt, die - oberflächlich gesehen - starre und "ewige" Regeln aufgestellt haben.
Doch so wie sich der Begriff der Dissonanz durch die Generationen gewandelt hat, so sehr wird sich auch das Zusammenspiel verschiedener Töne und Gestalten weiterhin ändern, neue Regeln und Ideen werden aus einer scheinbar toten, trockenen, stagnierenden Materie geboren und weiterentwickelt.

In seiner Reihe "GEMINI", die seinem 1986 gegründeten Ensemble WIENER COLLAGE als herausforderndes Übungswerk dient, entwickelt Staar mittels Hilfe seiner neuen Erkenntnisse formbildende Modelle aufgrund der gewonnenen und transformierten harmonischen Strukturen, die jeweils zwei verschiedene Akkorde konfrontierend oder verschmelzend verbinden. Aus seiner ursprünglich aus dem Spannungsverhältnis der Dur-Moll-Tonalität und der Idee einer übergreifenden Dodekaphonie herauskristallisierten Tonsprache hat René Staar eine neue Art der Harmoniebildung entwickelt, die er als "Aufstellung von harmonischen Modellen mittels Hilfe von Akkorddispositionen" bezeichnet.

Seit 1991 schreibt Staar am "Premier Livre" seiner Gemini-Duette, die Kombinationen von jeweils zwei vierstimmigen Akkorden, die ganz aus Sekundintervallen gebildet sind, zum Ausgangspunkt der Komposition nehmen. Diese erste Serie wird insgesamt 15 Duette umfassen. Das "Deuxième Livre" wird dann Stücke umfassen, deren Tonmaterial aus je zwei fünfstimmigen ganz aus Sekunden gebildeten Akkorden besteht.

Das DUO A1 für Violine und Flöte (A= Arbeitsnummer: steht dabei für eine einstweilige chronologische Numerierung, denen später andere Numerierungen - z.B. nach Instrumentengruppen oder nach Aufführungspraxis gestellte - folgen sollen) wurde für Wolfgang Schulz, den Soloflötisten der Wiener Philharmoniker geschrieben. In dem kurzen Stück wird dargelegt, daß ergänzend zu den Akkorddispositionen auch andere formbildende Elemente bewusst die Grenzen traditioneller Kompositionstechniken hinter sich lassen.
Eine sich ganz aus den Relationen der Tempi ergebende neuartige Rhythmik ist dabei genauso wichtig wie die Auswahl verschiedenartiger Zeitfelder, die prägend die zeitliche Dimension der harmonischen Entwicklungen mitbestimmen. Als quasi dritte rhythmische Dimension wirkt sich außerdem noch eine gegenläufige Akzentuierung der Bewegungsformeln aus, die dem Geschehen eine zusätzliche Spirale verleiht.

Entstehungsdatum: Wien, am 22. Jänner 1991
Dauer 1 Minute 40 Sekunden
Datum und Ort der Uraufführung und weiterer signifikanter Aufführungen:
UA 18. März 1991; Kyoto
weitere Aufführungen:
15. November 1995, SloEA Bratislava, melos-ethos Festival
Mai 1996, ÖEA Salzburg Aspekte Festival, großes Studio Mozarteum
20. September 1997, Wien, Jubiläumskonzert 10 Jahre EWC, ORF großer Sendesaal
CD 1o Jahre Ensemble Wiener Collage

HÖRBEISPIEL
Gemini (1 MB)

Das DUO A2 für Violine und Cello ist in verschiedene Phasen eingeteilt, deren einzelne Charaktere vom Komponisten mittels Buchstaben gekennzeichnet wurden. Jede Phase trägt 2-3 charakteristische Entwicklungen, die das Stück klar strukturieren (Phase 1a - wild, aufgewühlt, Phase 1b dolce e legatissimo, Phase 1c giocoso, die Charaktere der 2. Phase: a-grandioso, b-misterioso; 3. Phase: a-dramatico, b-schwebend, leicht drängend, c-brutal; 4. Phase: a-filigran, b-stets steigernd, c-tumultartig ; 5. Phase: a-deutlich phrasierend, b-stark akzentuierend, pesante,vivo). Bei diesem Duo steht die kontrapunktische Verzahnung im Mittelpunkt. Das Duo wurde für Franz Bartolomey, den philharmonischen Solocellisten, geschrieben.

Entstehungsdatum: Wien, am 17. Februar 1991
Dauer 1 Minute 35 Sekunden
Datum und Ort der Uraufführung und weiterer signifikanter Aufführungen :
UA 30. Oktober 1996 Wien Gesprächskonzert des ÖKB im Hobokensaal Albertina
Oktober 1997 HuEA Budapest

Die formale Komponente des Duo A3 für Violine und Viola ist von einer filmschnittartigen Strukturalisierung geprägt (deshalb werden die einzelnen Teile als "Cut"1-3 bezeichnet). Jeder dieser Cuts stellt eine Steigerung des Gesamtgeschehens durch eine stufenweise Beschleunigung dar, trotzdem beherrschen weiche Linien und wellenförmige Bewegungsformen hier das Gesamtgeschehen. Uraufgeführt wurde dieses Duo 1991 in Kyoto durch den Widmungsträger des Stücks, den Bratschisten der Wiener Philharmoniker Wolf-Dieter Rath und den Komponisten.

Enstehungsdatum: Toronto, am 24. Februar 1991
Dauer 2 Minuten
Datum und Ort der Uraufführung und weiterer signifikanter Aufführungen :
UA 18. März 1991 Kyoto, weitere Aufführungen : ÖEA 30. Oktober 1996 Gesprächskonzert des ÖKB Wien, Albertina Hobokensaal

Das Duo A4 für Violine und Klarinette (geschrieben für den philharmonischen Soloklarinettisten Ernst Ottensamer) ist das bislang kürzeste der Gemini Reihe mit einer knappen Minute Spielzeit, in der ein rasch pulsierender Geschwindmarsch durchsetzt von erregenden Synkopierungen und variablen Metren die Richtung und das Tempo angibt.

Entstehungsdatum: Tokyo, am 7. März 1991
Dauer 1 Minute 20 Sekunden
Datum und Ort der Uraufführung und weiterer signifikanter Aufführungen :
UA 18. März 1991 Kyoto, weitere Aufführungen :

A5 für Violine und Piccolo erscheint auf den ersten Blick aus konventioneller, fast Variationenformen verwandter Technik gebildet zu sein. Doch auch hier überwindet der Komponist traditionelle Klischees. Durch ein eher getragenes Grundtempo wird dem Piccolo die gewöhnliche Zuwendung zum lauten, alles andere übersteigenden höchstmöglichen Pol genommen, ja durch Geigenflageolette gerät das Piccolo zuweilen sogar zur Unterstimme. Traditionelle Charakterisierungen des Piccolo werden in diesem grundsätzlich mit piano dynamisierten Stück nur als Kontrastmittel eingesetzt. Formal arbeitet der Komponist mit einem stets abgewandeltem Refrain und kontrastierenden Episoden, die quasi als Erinnerung traditionelle Piccolospielweisen karikieren.
Nach dem kurzen Duo A4 gerät dieses für den philharmonischen Flötisten Günter Federsel geschriebene Stück als bislang längstes (mehr als 5 Minuten Spieldauer) zu einem Miniepos, dessen formale Einteilung in Refrain und Episoden ein eigenes, sich von anderen Gesetzen abhebendes Ganzes ergeben.

Enstehungsdatun: Wien, am 1. Dezember 1991
Dauer 5 Minuten 40 Sekunden
Datum und Ort der Uraufführung und weiterer signifikanter Aufführungen :
UA 15.11.1995, Bratislava, melos-ethos Festival
weitere Aufführungen: ÖEA Aspekte Festival Mai 1996, Salzburg, Mozarteum, großes Studio

Nochmals scheint der Komponist den Marschcharakter des Duos A4 im Duo A6 für Violine und Posaune aufzugreifen, der hier jedoch ins Groteske, Skurrile durch Glissandoorgien beider Instrumente und unerwarteten rhythmischen Verschränkungen gesteigert wird. Posaune und Violine ergehen sich in einen satirischen Wettkampf, dessen Treiben ganz auf den Charakter des philharmonischen Soloposaunisten und Widmungsträger Rudolf Josel zugeschnitten ist.

Entstehungsdatum: Wien, Dezember 1991-Jänner 1992
Dauer 3 Minuten 25 Sekunden

A7 für Violine und Tenorsaxophon lebt aus dem Spannungsverhältnis zwischen Zweier- und Dreierteilungen verschiedener Einheiten. Relationen und Zeitfelder werden bewußter als beispielsweise im Duo A1 eingesetzt. Spannung und Entspannung der Akkordentwicklungen werden aus einer eingeplanten Strukturerweiterung gewonnen, die formbildend für das Stück erscheint, obwohl sie in keinem Augenblick melodisch oder harmonisch hörbar relevant ist oder aus dem vorgegebenen Rahmen fällt. Gewidmet ist das Stück dem Saxophonisten des Ensemble Wiener Collage, Peter Rohrsdorfer.

Entstehungsdatum: Wien, am 18. Juli 1995
Dauer 2 Minuten 30 Sekunden
Datum und Ort der Uraufführung und weiterer signifikanter Aufführungen :
UA 15. November 1995 Bratislava, melos-ethos Festival
weitere Aufführungen : HuEA Budapest Oktober 1997

Im für den Akkordeonisten Alfred Melichar geschriebenen Duo A8 für Violine und Akkordeon erzeugt der Komponist durch fließende Verschränkungen des Violin- mit dem Akkordeonklang scheinbar atmosphärische Wandlungen, die allmählich durch Tempo- und Charakterwechsel sehr intensiv werden, um plötzlich mittels Auflösung des Zielakkords ganz plötzlich ins Nichts zu verschwinden. Die formale Struktur ist hier bewusst vom Komponisten vereinfacht im Interesse von Stimmung und Spielfluß worden.

Entstehungsdatum: Wien, am 14. April 1997
Dauer 2 Minuten 30 Sekunden
Datum und Ort der Uraufführung und weiterer signifikanter Aufführungen :
UA 20. September 1997 Wien, ORF Sendesaal, Jubiläumskonzert 10 Jahre Ensemble Wiener Collage

Das Duo A9 für Violine und Kontrabaß (für den Kontrabassisten des Ensemble Wiener Collage, Michael Seifried) spielt mit Temporelationen innerhalb eines komplexen rhythmischen Gefüges und erzeugt deshalb extreme Charaktersteigerungen und -wandlungen, wobei Synkopen- und Akzentwirkungen die Absurdität des vorbeirasenden Geschehens unterstützen. Formal wird das Werk vor allem durch komplexe Temporelationen, die in Kontrast zu harmonischen und rhythmischen Wendungen stehen, geprägt.

Enstehungsdatum: Wien, am 14. Mai 1997
Dauer 1 Minute 50 Sekunden
Datum und Ort der Uraufführung und weiterer signifikanter Aufführungen :
UA 20. September 1997 Wien, ORF Sendesaal, Jubiläumskonzert 10 Jahre Ensemble Wiener Collage

Wieder ein längeres Stück ist das Duo A10 für Violine und Trompete, geschrieben für den jungen Trompeter des Ensemble Wiener Collage, Martin Angerer. Das Stück geht davon aus, einer Idee zwei Entwicklungsgedanken mitzugeben. So gibt es zwei Hälften eines gestaltgebenden Satzes, die eine formend, die andere entwickelnd - die in fünf voneinander verschiedenen Erscheinungsformen erklingen. Diese Erscheinungsformen unterscheiden sich in der Harmoniefolge und Harmonieanordnung (bis hin zur Anzahl der miteinanderkombinierten Akkorde), in der rhythmisch-artikulierten Gestalt, im Tempo und Metrum, in der Beziehung der beiden Instrumentalstimmen zueinander, der beiden Satzhälften in jeder der fünf Erscheinungsformen und haben daher mit der Variationsform nichts gemeinsam. Eigenartige Klangbilder werden hier vom Komponisten forciert wie etwa die durch den Wow-wow-Dämpfer sordinierte Trompete, die anfangs ihre Rhythmik mit Hilfe von Dämpfereffekten artikuliert und synkopisch in Kontrast zu der in Dreier- und Fünfergruppen eingeteilten Fünf-Achtelbewegung der Violine steht.

Der anfänglich synkopierte Trompetenpart birgt die Weiterentwicklung als beidseitig verschiedenartige Synkopierung in der 2. Ebene in sich, während die dritte ein metrisch-rhythmisches Zusammenspiel schafft, in der die Trompete ihre Signale mittels plötzlich einfallenden Glissandoattakken inmitten sphärischer Geigenflageoletts zu setzen weiß. Inmitten eines sich durch variable Metren schlängelnden Sechzehntelbewegung (4. Ebene) werden Akzente durch sordinierte flatterzungeneffekte und Ponticellotremolos gesetzt. Die 5. Ebene spielt sich als Entwicklung kontrapunktisch angeordneter Rhythmen ab, die aus einer fanfarenähnlichen Trompetenstruktur in eine seltsam skurrile Bewegung zwischen Triole und Duole einbiegt und überraschend abbruchartig das Stück zu Ende bringt.

Enstehungsdatum: Wien, am 16.April.1998
Dauer 4 Minuten 20 Sekunden
Datum und Ort der Uraufführung:
UA 4. Juni 1998 Präsentation der CD 10 Jahre Ensemble Wiener Collage und Konzert im Arnold Schoenberg Center

Das für den philharmonischen Tubisten Ronald Pisarkiewicz geschriebene Duo A11 für Violine und Tuba schrieb der Komponist quasi als Kritik an der gekünstelten Erstarrung neuer Musik im Klischee der "Faßlichkeit durch ein größeres Publikum". In einer Parodie barock-klassischer Formelhaftigkeit wird die Baßtuba als Quasi-Orgelpunkt in einer Suite "im alten Stil" (ein beliebtes Beiwort vieler deutscher Komponisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts) seltsam versetzt in Präludium, Gavotte und "quasi" Chaconne eingesetzt.

Datum und Ort der Uraufführung:
UA 13.12.1998 im Arnold Schoenberg Center Wien