Notizen zu
Movimientos para Don José Haydn, Op. 8

Miguel hat es geschafft. Monatelang hatte er immer wieder die selbe Platte gehört, und in dem Buch gelesen, das die Gringos Partitur nannten. Schwierig war es, sehr schwierig, denn Miguel konnte kaum Noten lesen.

Er konnte sich noch gut an sein Erstaunen erinnern, als ihm jener Fremde diese Platte und das Buch geschenkt hatte auf der Hazienda, wo Miguel oft auf Einladung des "patrón" seine Lieder sang und sich selbst auf der Gitarre begleitete. "Kennen Sie Haydn ?" war Miguel plötzlich gefragt worden. Miguel hatte nie vorher von dem Komponisten gehört, den er aber bald liebte und respektvoll "Don José" nannte. Monatelang arbeitete er dann plötzlich an einer Partitur, ja fast ein Jahr lang, und dann hatte er sie fertiggestellt, seine "Movimientos para Don José Haydn". Er war stolz darauf etwas Ähnliches wie Haydn geschaffen zu haben und dazu einige der Rhythmen seiner Heimat hineingebracht zu haben. Don José sollte sehen, wie man an der anderen Seite der Erdkugel verehrte. Das Paket mit der neuen Partitur war bereits abgeschickt worden. Die Adresse wußte Miguel nicht so genau, aber er war sicher, daß Don José Haydn, Viena, genügte. Miguel war glücklich. Er wußte nicht, daß Haydn seit über 150 Jahren nicht mehr lebte.

Kurz nachdem der Komponist René Staar von seiner Lateinamerikareise im Jahre 1981 nach Europa zurückkehrte, bekam er den Auftrag, für das Wiener Kammerorchester zum 250. Geburtstag von Joseph Haydn 1982 ein Werk zu schreiben. Die spontane Vision eines lateinamerikanischen Folkloresängers ohne Wissen, aber mit viel autodidaktischen Fähigkeiten und Begabungen führten zur Schaffung der Figur "Miguel", die als geistiges Intermedium René Staar’s die Movimientos komponierte.

Die Ähnlichkeit mit Haydn bezieht sich lediglich auf die formale Nachbildung einer Symphonie Haydns. Die Tonsprache (Harmonik, Rhythmik, Melodiebildung etc.) ist davon so gut wie gar nicht betroffen. Das Bestreben "Miguels", Haydn nachzueifern, führt - naiv im besten Sinne - zu vollkommen anderen Resultaten.

Genau so wie Miguel fiktiv sein Paket zu spät an Haydn sendet (Haydn lebt zu diesem Zeitpunkt nicht mehr), zu spät für das Haydn - Gedenkjahr wurden die "Movimientos" fertiggestellt. Sie sollten erst im Jahr von Haydn’s 251. Geburtstag uraufgeführt werden.

Uraufführung der 1. Fassung der Orchesterversion:
8. März 1983 im Linzer Brucknerhaus
Interpreten: Wiener Kammerorchester, Dirigent: Chihiro Hayashi

Die Partitur bringt den vom Komponisten eigens für die Drucklegung revidierten Notentext der Letztfassung der Komposition.
Uraufführung der Letztfassung:
14. Dezember 1991 im Wiener Konzerthaus
Interpreten: Wiener Kammerorchester, Dirigent: Philippe Entremont

Eine Fassung für Klavier entstand 1983.

Das Werk dauert ca. 12 Minuten