RINNE TEN-SHO I: KODAI NO IBUKI
für Violine, Shakuhachi, traditionelle japanische Instrumente aus der Gagaku-Tradition und Shomyo

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Der Titel:
RINNE TEN-SHO
kann zwei Bedeutungen haben, die eine kann frei mit "Wandelnde Zeiten" übersetzt werden, die andere bedeutet "Wandernde Seelen", ergibt also einen buddhistisch-religiösen Sinn. Der Wechsel, die Veränderung prägen daher Charakter und Inhalt des Werks mit einem für den Komponisten völlig neuen Klangkörper.
KODAI NO IBUKI kann frei mit "Atem aus uralter Zeit" übersetzt werden. Die Beschäftigung mit der für René Staar fremden japanischen Musiktradition prägte die Konzeption des Stücks in diesem ersten Teil von RINNE TEN-SHO. Der Einsatz der Mittel weist daher große Parallelen zu traditionellen japanischen Gagaku - und Shomyo - Aufführungen auf.

Zur Entstehung des Werkes
Seit ihrer ersten Begegnung in Tokyo 1989 hat sich zwischen den beiden Komponisten Toshi Ichiyanagi und René Staar eine lang andauernde Freundschaft entwickelt, die auch gemeinsame Projekte und Ideen entstehen ließ. Dadurch wurde auch ein reges Interesse Staars an der traditionellen japanischen Musiktradition geweckt, die Ichiyanagi in seinen Werken so meisterlich aufs neue erschafft. Die stets zunehmende Faszination an der Materie und die Einladung Ichiyanagis an Staar, ein Werk für das Tokyo International Musik Ensemble (TIME) zu schreiben, führten zum gemeinsamen Bestreben, auch Veranstalter für diese Ideen zu gewinnen.

Die Einladung des Festivals Wien Modern an das TIME, 1996 in Wien zwei Konzerte zu bestreiten, machte die Realisierung eines der Projekte möglich. Um in stetem Kontakt mit den Instrumentalisten und Shomyo-Sängern Konzeption und Inhalt des geplanten Werks zu überdenken, wurde ein Studienaufenthalt des Komponisten in Japan notwendig. Zwischen seinen vielen Verpflichtungen konnte René Staar im Juli 1996 am Lake Kololomook in New Hampshire und Salzburg das Particell des ersten Teils - das "episch angelegte" KODAI NO IBUKI - des dreiteilig konzipierten Komplexes fertigstellen. Die Ausarbeitung der Partitur erfolgte im August und September 1996. Die Weiterarbeit an den beiden weiteren konzipierten Teilen, des dramatischen zweiten Teils und eines satirischen dritten Teils, des immer umfangreicher gewordenen Werkkomplexes ist einer späteren Zusammenarbeit mit dem TIME-Ensemble vorbehalten.

Japanische Tradition und Moderne
Es gibt nicht nur eine einzige japanische Musiktradition, sondern deren mehrere. Einige sind mehr als 1400 Jahre alt, andere dagegen entstanden erst im 17. und 18. Jahrhundert. Um das Entstehen dieser Traditionen besser zu verstehen, muß man die Polarität der japanischen Kultur zwischen zwei Extremen in Betracht ziehen, die sich fast als Pulsschlag durch die japanische Geschichte zieht. Einerseits vollzieht sich die zeitweise Öffnung zu fremden Kulturen hin in so extremer Weise, daß sie wie eine vollkommenes Aufsaugen fremder Elemente wirkt, zu anderen Zeiten ist ein fast vakuumverpacktes Verschließen des Landes gegenüber Fremdeinflüssen zu bemerken. Die geschichtlichen Perioden, in denen das wie ein langsames Pulsieren geschieht, können mehrere Jahrhunderte dauern, aus einem aufgesaugten fremden Kulturgut wird dann allmählich etwas völlig Japanisches. Aufgrund der so verschiedenen Entwicklungen, aber auch aufgrund der Musikausübung, die in einer bestimmten Art und Weise an verschiedene soziale Schichten gebunden war, hat man sich in der Vergangenheit davor gescheut, diese Traditionen miteinander zu verbinden.

Shomyo, der rituelle Gesang der buddhistischen Mönche hat sich durch indische und chinesische Überlieferungen etwa in mehreren Wellen in verschiedenen Sekten entwickelt. Dieser Prozeß dauerte mehr als ein Jahrhundert und kam durch den Kontakt japanischer Mönche mit dem chinesischen Festland zustande. Deren Traditionen können erheblich voneinander abweichen. Da Shomyo in früheren Jahrhunderten auch als Geheimwissenschaft angesehen wurde, waren diese Traditionen von der Umwelt abgeschirmt, nur ganz selten ergaben sich Berührungspunkte zu den großen anderen Musikentwicklungen Japans.

Gagaku ist die Musik des japanischen Kaiserhofs und war im wesentlichen auch auf diesen beschränkt. Verfall im Shogunat und Restauration der Gagaku-Musik im 19. Jahrhundert als Gegengewicht zur hereinbrechenden europäischen Musik konnten dieser mehr als 1000 Jahre alten Musiktradition wenig anhaben. Weitere japanische Musiktraditionen haben sich im Bereich des Theaters angesiedelt, der NO-Tanz oder das Kabuki-Theater geben eindrucksvolle Beispiele dafür.

Der anscheinend übermächtige Einbruch europäischer Kunstmusik ins japanische Kulturleben seit der Meiji-Restauration von 1868 hat seit den fünfziger Jahren unseres Jahrhunderts eine Gegenbewegung in Gang gesetzt. Immer mehr versuchen japanische Komponisten, ihre eigenen Traditionen neu zu bewerten, neue Werke für ihre traditionellen Instrumente zu schreiben, und auch Brücken zur europäischen Avantgarde zu bauen. Dabei wurden die historischen und sozialen Grenzen der Traditionen obsolet, und es werden immer kühnere Kombinationen gewagt. Es findet in Japan seit 40 Jahren so etwas wie ein "cross-over" aller japanischen Traditionen, aber auch der europäischen statt.
Das TIME ist wie ein Kelch, in dem sich viele dieser Tendenzen sammeln und neue Formulierungen entstehen. Werke für japanische Instrumentalsolisten und Orchester gehören heute in Japan bereits zum Standardrepertoire der japanischen Komponisten.

In KODAI NO IBUKI von René Staar verbinden sich verschiedene Ebenen zu einer epischen Zeitreise durch verschiedene japanische Traditionen. Einem Duo Shakuhachi (japanische Längsflöte) - Violine steht ein Gagaku-Ensemble mit 3 ryuteki (japanische Querflöte), 3 hichiriki (japanisches Doppelrohrblattinstrument von zuweilen erschreckender Intensität), 3 sho (Mundorgeln), 2 so-no-koto, 1 satsuma-biwa und 2 Schlagzeugern, die neben dem traditionellen Instrumentarium wie taiko, kakko und shoko auch modernes Instrumentarium verwenden, zur Seite. Dazu gesellt sich dann im weiteren Verlauf ein shomyo-Chor und rezitierende Stimmen, die alte japanische Jahreszeitengedichte, so auch Haiku’s vortragen.

Um gleichermaßen ostasiatische und europäische Tonalitätselemente zu einer Einheit zusammenzuschweißen-- schweißen, baute der Komponist eine achttönige Reihe, die alle nötigen Intervalle einer ausgewählten Tetrachordik, Pentatonik, Chromatik und Ganztonleiter beinhaltet. Sie wirkt wie ein übergeordneter Raster, der den Verlauf einzelner harmonischer Bewegungen vorherbestimmt. Die einzelnen Komponenten können sich aber auch unabhängig von diesem Raster machen und dann quasi als Kontrast eigene Wege gehen, so wie dies beispielsweise die Pentatonik des Haiku - Teils macht, die in sehr entfernte Regionen vorstößt.

Wie ein Gastgeber führt die japanische Längsflöte Shakuhachi bei diesem Stück die europäische Violine in die japanische Tradition ein. Tetrachordik bestimmt die beiden Einleitungsteile, einem Duo Shakuhachi - Violine und einem vom Gagaku-Ensemble gestalteten Teil. In diesem reichert sich die Tetrachordik allmählich zur Allintervallreihe (das bedeutet, eine Reihe, bei der alle für das Material notwendigen Intervalle vorkommen) an, die alle Intervalle umfaßt. In den japanischen Gagaku-Stücken gibt es Einleitungsteile (Netori), die ein ritualisiertes Einstimmen auskomponieren, ein Einstimmen nicht nur auf die Tonalität, sondern auch auf Charakter und Form des Stücks. Diese waren auch Vorbild für den Beginn von KODAI NO IBUKI, der allerdings eine zusätzliche Strukturisierung durch eine rhythmische Invention erhält, die die beide Solisten zu Beginn durchführen müssen. Die Wahl großangelegter Metren (6 Viertel, 8 Viertel) ermöglicht den Interpreten überdies der japanischen Tradition nicht unähnliche Freiheiten, die auch gewisse Unschärfen der Bezugspunkte nicht ausschließen.

Der erste Schlag des "Taiko", der großen japanischen Baßtrommel aus dem Gagaku - Bereich signalisiert den Beginn des ersten Hauptabschnitts. Verschmelzungsprozesse zwischen der Tetrachordik und der Allintervallreihe bilden hier das Grundgerüst der Komposition. Dieser Teil gehört nun ausschließlich dem Gagaku-Ensemble, Violine und Shakuhachi treten nur sporadisch hinzu. Die Gliederung erfolgt in:

  1. 12 Takte quasi Orgelpunkt über Rhythmen aus dem Gagaku-Repertoire
  2. 10 Takte heterophone Pseudokontrapunktik zweier völlig verschiedenartiger zweistimmiger Gebilde zwischen Ryuteki und Hichiriki, bei der die Allintervallreihe endgültig erreicht wird.
  3. 8 Überleitungstakte, um die erreichte Alltonreihe in eine rein diatonische Pentatonik umzuwerten
  4. Ein riesiger Durchführungsteil, der die erreichte Pentatonik von einer zwar kontrapunktisch verfremdeten, im Prinzip aber zweistimmigen Faktur allmählich zur Sechsstimmigkeit steigert, wobei Modi- und Dispositionsänderungen einander ergänzen und überschneiden.

Der zweite Hauptteil bringt den buddhistischen Hymnus Sange (den Hymnus von den fallenden Blütenblättern), der in rein diatonischen Pentatonikmodi abläuft, begleitet von Gongs und hellen Stabspielen. Die langsame Alteration eines Grundtons und damit der gesamten Tonalität ist ein Hauptmerkmal japanischer Musiktraditionen, das hier quasi ergänzend zur Gesamtstruktur des Stücks eingesetzt wird. In "Sange" wird durch eine sich langsam immer auf höhere Stufen stellende Gesangslinie eine generell aufwärtsgerichtete Entwicklung auskomponiert, im gesamten Stück glissandierende Effekte genutzt.

Im letzten Hauptteil "Japanese Gardens" werden verschiedene harmonische Tonalitäten aus der Verbindung zweier verschiedener pentatonischer Modi gebildet, die verschiedene japanische Jahreszeitengedichte umhüllen. Eine kurze Coda schließlich deutet noch eine fließende Entwicklung von der Pentatonik zur Ganztonleiter und Chromatik an.

KODAI NO IBUKI ist insgesamt als großangelegte epische Exposition von RINNE TEN-SHO zu werten, dem ein dramatischer Teil (SENNEN-NO-SAKEBI), komponiert auf Texte Überlebender aus Hiroshima, und ein satirischer Teil (NIPPON-NO-MODERN-TIMES) folgen soll.

Zu den Texten
SANGE
ist der buddhistische Hymnus von den fallenden Blütenblättern. Dieser hat im Original eine Gesangsdauer von mehr als 40 Minuten. Für RINNE TEN-SHO wird lediglich die erste Zeile des berühmten rituellen Texts verwendet. Er wird von den shomyo-Sängern chorisch vorgetragen. Die Fassung der Melodie entstammt der japanischen Tendai-Sekte.

TOGAN ist einer der ältesten japanischen Lieder auf Jahreszeitengedichte. Es stammt aus der Feder Yoshishige no Ysutanes, das Gedicht ist chinesischen Ursprungs und stammt aus der Sammlung Wakan Roei-shu. Die Melodie ist hier nicht übernommen, die Worte werden hier quasi gesprochen echoartig in Abschnitten wiederholt.

VIER HAIKUS beschließen die Texte von KODAI NO IBUKI. Sie gehören zu den berühmtesten japanischen Kurzgedichten und stammen aus der Feder vier der bedeutendsten Haiku-Dichter Japans: Basho, Taigi, Shiki und Buson. Der Zugang für den Komponisten erschloß sich aus einer der wichtigsten zweisprachigen Sammlungen von klassischen Haikus: HAIKU von R. H. Blyth. Im Unterschied zu Togan werden die 4 Gedichte gesungen. Die Sänger können auch aus den Reihen der Instrumentalisten des Gagaku-Ensembles oder der Sänger des Shomyo-Chores stammen.

VOM KOMPONISTEN UND DEM TIME-ENSEMBLE GESUCHT: GROSSZÜGIGER FÖRDERER ZUR VOLLENDUNG DES WERKS:
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