DAS WACHSENDE SCHLOSS
für Solovioline und Kammerensemble

Im Schaffen des Komponisten René Staar nimmt die Violine einen bedeutenden Platz ein. Dies ist naheliegend, da er auch als Geiger maßgeblich am zeitgenössischen Schaffen durch zahlreiche Ur-und Erstaufführungen im solistischen und kammermusikalischen Bereich vertreten war und ist. Im eigenen Schaffen spielen allerdings traditionelle Formen wie Konzert oder Sonate und traditionelle Besetzungen wie Orchester oder übliche Kammermusikformationen kaum eine Rolle.

Die Violine setzt der Komponist vielmehr in einen kreativen Bezug zu seinen Ideen, die dem Instrument neuen Raum in jeder erdenklicher Hinsicht zu schaffen suchen. In den METAMORPHOSEN EINES LABYRINTHS gibt es die Besetzungsangabe "für 10 Streicher in Begleitung einer Solovioline", das Ensemble ist in verschiedenerer räumlicher Aufteilung immer anders in Beziehung zur Solovioline gesetzt. GEMINI nennt sich ein Zyklus verschiedener Duos für Violine und jeweils anderer Instrumente. Hier sucht der Komponist verschiedenartige Klangmuster in Beziehung zur Violine zu setzen. In den DANSE-VISIONS für Violine und Klavier werden Tango und Rockelemente sukzessive einander angenähert, bis sie (im 3.Stück) in einem neuen Fantasietanz verschmelzen. DAS WACHSENDE SCHLOSS, das erste der "Fragmente eines Traumspiels" wurde nicht nur von Kindheitserinnerungen an Schweden inspiriert , sondern auch konkret musikalisch von den bei schwedischen Spielmännern gebräuchlichen vierfachen Wiederholungen eines Abschnitts einer Phrase geprägt. So wird das Instrument zu einer fast lebendigen Figur, gleichsam einem Individuum der Phantasie des Komponisten, die immer wieder in neuen Situationen neue Wege sucht.

Zum Werk DAS WACHSENDE SCHLOSS bemerkt Staar:
"1985 hatten Erik Freitag und ich für das Ensemble 20.Jahrhundert unter Peter Burwik eine Tournee nach Schweden organisiert, bei der auch je ein Stück von uns beiden zur Uraufführung kommen sollte. Sobald ich mich an die Arbeit an diesem Stück machte, erinnerte ich mich an eine Art Tagtraum, ein seltsames Gemisch aus Strindbergs "Ett Drömspel" (Ein Traumspiel), Ingmar Bergmans "Smultronstället" (der Film "Wilde Erdbeeren" ) und meinen eigenen Kindheitserinnerungen aus Schweden, der mich bereits vor Jahren zu einem übermächtigen Konzept eines abendfüllenden Werks für Solovioline, Kammerorchester, großes Orchester, Chor und Stummfilm (ad libitum) angeregt hatte. Dieser Stummfilm sollte in einem Verschnitt von Filmszenen berühmter skandinavischer Schauspieler wie Greta Garbo, Ingrid Bergman oder Liv Ullman eine begleitende Collage zur Musik werden, die quasi in Filmschnittechnik gearbeitet werden sollte.

Nun, da die Möglichkeit einer Aufführung in Schweden gesichert war, dachte ich daran, einen ersten Teil für dieses Projekt fertigzustellen. Die Arbeit an dem Werk FRAGMENTE EINES TRAUMSPIELS ging - durch vielerlei andere Verpflichtungen - nur zögernd voran und knapp zwei Monate vor den Proben war ein Ende der Arbeit noch immer nicht abzusehen. Ein Teil des für Schweden vorgesehenen "Fragments" wurde erst fertig, als die Nachricht von der Ermordung des schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme bekannt wurde. Spontan entschloß ich mich dazu, eine Trauermusik zu komponieren, die schließlich als 2. Satz zum WACHSENDEN SCHLOSS als FRAGMENTE EINES TRAUMSPIELS in Schweden uraufgeführt wurden. Ich entschloß mich dann wenig später, beide Sätze zu trennen, die Trauermusik als eigenes Werk zu belassen, dem WACHSENDEN SCHLOSS später aber weitere Fragmente beizugesellen.
Dazu bin ich bis heute (1998) nicht gekommen, obzwar ich die Absicht dazu nicht aufgegeben habe.

Das WACHSENDE SCHLOSS ist ein Symbol aus Strindbergs "Traumspiel". Am Anfang dieses berühmten Stücks von Strindberg steigt Indras Tochter vom Wohnsitz der Götter herab, um das Leid der Strblichen am eigenen Leib zu erfahren. Zunächst kommt sie an ein immer weiter aus der Erde wachsendes Schloß, in dem ein Mann eingekerkert ist. An dessen Seite erfährt schließlich die menschgewordene Göttin das Leid. Das von dieser Situation inspirierte Stück geht von der umgekehrten Perspektive aus, die Violine als im WACHSENDEN SCHLOSS gefangenes Individuum erfährt durch das sie umgebende Ensemble den Traum, die Vision einer zur Erde gekommenen, menschliche Gestalt angenommenen Göttin - daher auch die Parallele zum Stummfilm - dem Medium der Irrealität und des Traums.