STRUCTURES FOR DIFFERENT GROUPS OF AN ENSEMBLE CONSISTING OF 15 INSTRUMENTALISTS (and possible a conductor)

Original: english
Übersetzung: deutsch

STRUKTUREN FÜR VERSCHIEDENE GRUPPEN EINES ENSEMBLES VON 15 INSTRUMENTALISTEN (und eines Dirigenten)

(Op. 7)

Das gesamte Tonmaterial der sechs Stücke (Strukturen), die auch einzelnen aufgeführt werden können, wurde aus ein und demselben Fünfklang gewonnen. Dennoch hat jedes Stück einen eigenen Charakter.

Nr. 1 für Flöte und Fagott bringt in der Exposition die Intervalle des Fünfklangs horizontal in beiden Stimmen ohne geregelte Verbindung zwischen ihnen. In den weiteren Teilen - Variationen - haben dann diese Stimmen teils einen strikten Zusammenhang, teils setzen sie die freie Weise der Exposition fort. Der Wechsel zwischen tänzerischen, kadenzähnlichen und virtuos-brillanten Teilen formt die Entwicklung des Tonmaterials, bestimmend ist jedoch der asketische Charakter dieses Stücks.
Das Stück dauert 5 Minuten 10 Sekunden und wurde zwischen dem 23.10. und dem 16.11.1980 in Wien komponiert.

Nr. 2 für Klavier zweihändig formt verschiedene Akkorde aus den Intervallen des originalen Fünfklangs. Dies beginnt mit einer 2-stimmigen Linie, die dadurch, daß sie mit Verschlägen verziert wird und pedalisiert werden muß, akkordisch wirkt, bevor dann klare Akkorde mit einer umspielten 2-stimmigen Linie kontrastieren. Ein kurzer polyphoner Teil leitet zum Schluß über, einer Reprise des Anfangs. Der Charakter des Stücks ist hart und abrupt.
Das Stück dauert 3 Minuten 20 Sekunden, ist dem Freund und bedeutenden Pianisten Harald Ossberger gewidmet und wurde am 23.4.1981 in Lima, Perú, komponiert.

Nr. 3 für Streichquartett (2 Violinen, Viola, Violoncello) beginnt sehr elegisch durch Umspielungen eines irrationalen 4-stimmigen Chorals. Von Süße und Weichheit ausgehend leitet es über eine langsam vorwärtsgehende Bewegung in eine explosionsartige Kulminationen über, welche durch 5 bizarre, leichtgewichtige Presto-Takte beendet wird. Auch das Tonmaterial dieses Stücks ist selbstverständlich aus dem immer im Hintergrund stehenden Fünfklang gewonnen.
Das Stück dauert 4 Minuten und wurde am 17.4.1981 in Lima, Perú, komponiert.

Nr.4 für Blechbläser (C-Trompete, 2 F-Hörner, 2 Tenorposaunen, Tuba) präsentiert zunächst den originalen 5-Klang mit seinen Transposition und Lagen als Ausgangspunkt für einen Prozeß, der zunächst einen ruhigen, homophonen Teil bildet. Bald jedoch fordern die sechs Instrumentalparts ihre Unabhängigkeit, zuerst scheu und zurückhaltend zusammen mit den anderen Partnern, aber schließlich immer mehr und mehr verlangend. Der Prozeß ist in verschiedene Teile geteilt und jeder überwältigt und zerstört den vorhergehenden. Dadurch wird das Material immer neu umgeformt und kulmiert schließlich in einer Presto-Schlacht zwischen allen Stimmen, die schließlich ausschwingt. Das Stück deutet den ewigen Kreislauf, Geburt und Wachsen, schließlich Zerstörung älterer Kulturen durch neue, frischere Kulturen und Menschen an, ebenso wie die unmenschliche Gewalt, die das vollbringt.
Das Stück dauert 7 Minuten 30 Sekunden und wurde zwischen dem 19.4. in Lima, Perú, und dem 8.6.1982 in Genève, Schweiz, komponiert.

Nr. 5 für Violine, A-Klarinette und Klavier zweihändig mit dem Untertitel "Musik für die unschuldigen Opfer des Verbrechens der Kriege 1981. Meinen lieben Freunden Carlos Rivera und Motti Miron in Gedanken an unseren gemeinsamem Wunsch zur Überwindung von Haß und Gewalt durch unsere Freundschaft und Arbeit gewidmet".

Im Herbst 1980 gründete René Staar das TRIO DES TROIS MONDES zusammen mit dem peruanischen Pianisten CARLOS RIVERA und dem israelischen Dirigenten und Klarinettisten MOTTI MIRON. Der Eindruck, daß in Europa Abneigung für Leute aus der sogenannten "Dritten Welt" bestehe und immer mehr anwachse, wurde für den Komponisten zur Gewißheit, als er in Mexico und Perú, das Heimatland seiner Frau Eleana Bisbal, im März/April 1981 nach einer Konzerttournee in den USA besuchte. Zitat des Autors: "Als ich die extreme und inhumane Armut in diesen Ländern sah und mich daran erinnerte, wie diese Länder von den Europäern behandelt wurde, ja, daß die sogenannte "Entwicklung" (die anscheinend lediglich auf materiellem Niveau vollzogen wurde) in Europa nicht ohne die Unterdrückung der Menschen in den europäischen Kolonien möglich gewesen wäre, erkannte ich, daß jeder von uns eine Menge der sogenannte "Dritten Welt" schuldig ist. Diese Armut, in die die unschuldige Bevölkerung dieser Länder mit Gewalt getrieben wurde, hat zu Hunger, Kriminalität und wirtschaftlicher und kultureller Abhängigkeit geführt. Durch europäischen Einfluß kam es - und kommt es immer wieder - zu großem Druck auf die Menschen durch Militärs und Völkermord. Die natürlichen und kulturellen Reichtümer ganzer Kontinente wurden - und werden weiter - zerstört, nur um europäischer Habgier und kultureller Arroganz zu dienen, was nicht nur zur Verarmung in diesen Ländern geführt hat, sondern auch in dummer Weise zur Verarmung des europäischen Geistes beiträgt. Wir, die wir in den wohlhabenden Ländern leben, sollten uns verantwortlich dafür fühlen und klug genug sein, zu versuchen zu helfen."

Es war nur logisch, daß der Komponist dieses Stücks für das TRIOS DES TROIS MONDES im Gedenken an die ungerechten Kriegen - die (wenigstens ideell) von Europa, USA und UdSSR unterstützt wurde - unschuldig Ermordeten schrieb. Die Beendigung dieser immerwährenden Kriege seit 1945 - in Wirklichkeit ja bereits ein 3. Weltkrieg - muß eine Verpflichtung für jeden wirklichen Menschen sein.

Der Ausgangspunkt dieses Werks ist ein Doppelchoral, welcher wieder aus dem generellen Tonmaterial der STRUCTURES ist. Die vier mittleren Themen sind Variationen, die zum Choral - allerdings in umgekehrter Konstellation - zurückkehren.

Das Stück dauert 9 Minuten 30 Sekunden und wurde zwischen dem 23.7. und dem 29.7.1981 in Hilversum, Niederlande, und in Wien komponiert.

Nr. 6 für alle Instrumente, die in den Structures Nr. 1 - 5 verwendet sind plus dem Tambourin. Das Material des letzten Stückes der STRUCTURES besteht aus andern Variationen des ursprünglichen 5-Klangs. Das Werk besteht aus 3 Teilen, der Exposition, die das Material zuerst vorstellt, die Durchführung, die das Material in neuen Zusammenhängen darstellt und schließlich die Reprise, die jedoch eine stark verkürzte Gesamtreprise ALLER 6 Structures ist.

In diesen Prozeß integriert erscheinen 6 Variationen einer SALTARELLA, für die der Komponist eine mittelalterliche Saltarella-Melodie (London, British Museum, ms.Add.29987) verwendet hat. Allerdings ist die Entwicklung dieser 6 Variationen, welche ebenfalls mit dem Tonmaterials des 5-Klangs verbunden sind, unabhängig von der übrigen Komposition. Die strukturellen Teil gehen über in die Saltarelli oder entwickeln sich aus ihnen, obwohl der erst Saltarello sehr kräftig beginnt, die nachfolgenden dann immer kürzer werden, bis der 5. zur Reprise überleitet. In dieser Reprise wird die asketische Grundidee der Structures Nr. 1 zum Faden, auf dem alle anderen Reprisenteile aufgehängt erscheinen, als wenn sich jemand eines Traums entsinnen wolle, den er in der Nacht zuvor geträumt hat, und er sich nur mehr Bruchstücke ins Bewußtsein rufen kann. Schließlich bleibt dann nur mehr der Faden, an dem diese Erinnerungen aufgehängt erscheinen, über und verblaßt schließlich und endlich.
Das Stück dauert 16 Minuten und wurde zwischen dem 22.6. und dem 22.8.1982 in Genf komponiert, später dann nochmals revidiert.

Das Werk STRUCTURES kann in seinen Einzelteilen getrennt (Nr. 1 - 6) aufgeführt werden oder zusammen. Die Gesamtdauer ist ca. 60 Minuten.