Ein Freund ist von uns gegangen. Ein Freund des Ensemble Wiener Collage, ein Freund der modernen Künste und Ideen, der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts, ein intimer Kenner von Arnold Schönbergs Ode to Napoleon Buonaparte op. 41, des Werks von Ernst Krenek und anderer bedeutender Komponisten der letzten Jahrzehnte.

Wie erst kürzlich bekannt wurde, verstarb der amerikanische Bariton und Pädagoge Michael Ingham im Alter von 75 Jahren am 28. Januar 2020 an den Folgen eines Herzinfarkts in Santa Barbara, Kalifornien. Viele von uns werden sich an seine exemplarischen Auftritte als Sprecher in Schönbergs Ode to Napoleon Buonaparte erinnern, die er gemeinsam mit dem Ensemble Wiener Collage nicht nur am Arnold Schönberg Center in Wien (erstmals im März 1998 beim »Schönberg Festival«, der Eröffnungswoche des Schönberg Center), sondern auch beim 1. Festival der Neuen Musik in Lissabon »Música em Novembro« 1998 und in Tokyo/Yokohama 2007 absolvierte. Dem Ensemble Wiener Collage war er ein verlässlicher und versierter Partner, mit dem er bereits bei seinem Gründungskonzert 1987 konzertierte und beim 10. Jahresjubiläum Werke von Luigi Dallapiccola und mir selbst präsentierte.

Geboren wurde Michael Ingham am 16. Juli 1944 in Texhoma an der Grenze zwischen Oklahoma und Texas.

Seine Studienjahre verbrachte er an der Denver University, an der Indiana University schloss er seine künstlerischen Studien ab. Zwischen 1972 und 2006 arbeitete Ingham in führenden Positionen als Chairman der Musikabteilung und als Direktor des Opernprogramms der University of California, Santa Barbara.

Sein Interesse an der Musik unserer Tage und vor allem den Ideen der Moderne war breit gefächert, so schrieben u.a. Ernst Krenek (The Dissembler op. 229) und Henry Brant Werke für ihn. Sein selbstloser Einsatz insbesondere für Ernst Krenek führte zur Idee eines 29 Konzerte umfassenden Festivals, welches das Schaffen Kreneks in den USA in einer seitdem unerreichten Bandbreite dokumentierte. Michael Ingham konzertierte unter anderem bei den Wiener Festwochen, der styriarte, den Berliner Festspielen, bei der Baltimore Chamber Music Society und dem New Hampshire Music Festival. Sein letzter Auftritt in China als Interpret von Schönbergs Survivor from Warsaw und der Ode to Napoleon Buonaparte mit dem Symphonieorchester des Konservatoriums von Chengdu unter meiner Leitung ist unvergessen: nicht zuletzt durch seine akribische Einstudierung des Männerchors für den Survivor wurde die gemeinsame Probenwoche in Westchina zum einmaligen Erlebnis – ein chinesischer Chor singt hebräisch mit deutlicher Aussprache ...

Was nur wenige wissen, ist, dass Michael ein in der Tradition von Noam Chomsky und Gore Vidal stehender amerikanischer Intellektueller war, der die Werte der Demokratie und Bürgerrechte stets hochhielt. Bei meinem letzten Besuch bei ihm drückte er mir die amerikanische Verfassung und das Buch Voices of a People’s History of the United States in die Hand mit den Worten: »Lies das, und Du wirst verstehen, wie wir unsere Ideale verraten …«. Ich werde nicht nur seine Wissbegier und sein großes Interesse am Neuen, sondern auch seinen kritischen Geist und seine scharfsinnigen Analysen vermissen ...