»György Ligeti in großer Verehrung zugeeignet«

 

Besetzung: für Klavier
Aufführungsdauer: ca. 21 Minuten

 

Nr. 1 Schnell

Uraufführung: 1991 Tokio, durch René Staar
Aufführungsdauer: 1'50'' Minuten
Klavierstimme (Ausschnitt, Pdf)

 

Nr. 2 Ruhig fließend in Form einer Passacaglia

Uraufführung: 1994 Odessa, durch Johannes Marian
Aufführungsdauer: 2'20'' Minuten

 

Nr. 3 Allegretto in Spiegelungen

Uraufführung: 1996 Mailand, durch Johannes Marian
Aufführungsdauer: 1'00'' Minuten

 

Nr. 4 Presto possibile

Uraufführung: 1996 Mailand, durch Johannes Marian
Aufführungsdauer: 1'30'' Minuten

 

Nr. 5 Rhapsodisch, mit großem Schwung

Aufführungsdauer: 3'00'' Minuten

 

Nr. 6 Erstarrt in klirrendem Granit

»für Johannes Marian«

Uraufführung: 28. September 1998, Wien Karajan-Centrum, durch Johannes Marian
Aufführungsdauer: 5'10'' Minuten

 

Nr. 7 Pendelnde Zeiten (Largo)

Aufführungsdauer: 2'45'' Minuten

 

Nr. 8 Zerbrochene Spektren

Uraufführung: 27. November 1998, Lissabon, durch Johannes Marian
Aufführungsdauer: 3'15'' Minuten

René Staar - Zerbrochene Spektren


Johannes Marian, Klavier

 

Werkeinführung von Sigrid Wiesmann:

René Staars kompositorisches Schaffen lässt sich in mehrere Perioden einteilen. Einer ersten, durch Arbeit mit Improvisationselementen geprägten Periode folgt eine durch persönliche Erlebnisse und Einflüsse – u. a. von Hans Swarowsky und Leonard Bernstein – bereicherte Entwicklungsphase der Melodie- und Motivstrukturen. Die Kammermusikwerke Jeux I, op. 1 für Violine und Viola (1976), die Fantasie per 4 Viole op. 6 (1979/80) und das Streichquartett Structures III, op. 7/3 (1981) zeigen Staars Suche nach Annäherungen an die Klangwelt der Moderne und nach eigenem Ausdruck. In der nächsten Periode sind es die vertikalen Strukturen und die Suche nach einem übergreifenden Harmoniesystem, die die divergierenden Kompositionsstrukturen verbinden. In diese Zeit fällt auch die Komposition Just an Accident? A Requiem for Anton Webern and other Victims of the Absurd op. 9 (1985) nach einem Text von Alan Levy, für die er 1986 den zum ersten Mal verliehenen Ernst-Krenek-Preis der Stadt Wien erhielt. Während der Komposition ... ich bin es, ohne daß es mir gleicht ..., op. 19 für Sopran, Bariton und Kammerensemble, die 1987 nach einem Text von Michael Cerha geschrieben wird, findet Staar die »Akkorddispositionstheorie«, die seither die Grundlage für seine Werke bildet und zu neuen Klangerlebnissen führt: Radikalisierung der Tonsprache durch strikte Einhaltung dieser neu aufgestellten Regeln und Verknappung auf das Allernotwendigste führen zu intensiven und prägnanten Werken, wie z.B. die sechs Skizzen für Streichquartett Versunkene Träume, op. 22c von 1993.

In den Bagatellen auf den Namen György Ligeti, op. 14/3 für Klavier zu zwei Händen (1989–96) wird diese »Akkorddispositionstheorie« noch verfeinert. Der ideale Ausgangspunkt dieser Komposition besteht aus dem Namen György Ligetis vorkommenden musikalischen Buchstaben g-g-g-e. Das Intervall der kleinen Terz (e-g) ist in verschiedenen Akkorden versteckt und bildet eine unsicht- und unhörbare Beziehung zu dem Namen Ligeti. Diese Terz wird in alle Grundakkorde, die den Bagatellen zugrunde liegen, eingebaut.

In der ersten Bagatelle wird die Harmonik durch Umschichtung der Akkordintervalle erreicht, aus der sich eine eigengesetzliche Melodie- und Harmoniefolge ergibt. Die Disposition der zweiten Bagatelle (in Form einer Passacaglia) besteht aus vier Tönen eines Grundakkords und wird auf einen 10/8 Takt aufgeteilt. Sechs Perioden und die Spiegelung ihrer Überleitungen bestimmen den Verlauf der dritten Bagatelle, während in der vierten Verdichtung und Auflösung den formalen Verlauf festlegen. Scheinbar beiläufig ergeben sich die einzelnen Teile der fünften Bagatelle.

Nach fünfjähriger Pause nimmt Staar die Arbeit an den Bagatellen 1995 wieder auf. Die sechste Bagatelle stellt enorme Anforderungen an den Interpreten, der rhythmische Teilungen innerhalb von komplexen Temporelationen zu bewältigen hat, und der ein dynamisches Fingerspitzengefühl für die Artikulation entwickeln muss. In der siebenten Bagatelle wird der sechsstimmige Akkord in seine Einzeltöne durch rhythmische Auflösung geteilt, während die achte und letzte Bagatelle – Staar nennt sie »zerbrochene Spektren« – die in der sechsten Bagatelle entwickelte Temporelationsrhythmik auf die denkbar komplizierteste Weise ausweitet. Eine genaue Analyse des Komponisten, die beschreibenden Texte und farbige Strukturtabellen machen diese Ausgabe zur bislang substantiell wichtigsten im Schaffen René Staars. Der Komponist will anhand der Bagatellen ein Muster praktischer Anwendung seiner musiktheoretischen und kompositionstechnischen Erkenntnisse schaffen.

Die Bagatellen gehören nicht nur zu den wesentlichen Werken Staars, sondern auch zu den schwierigsten Werken der Klavierliteratur und sind als Studienmaterial für Komponisten und Pianisten eine enorme Herausforderung und Anregung. Die acht Bagatellen haben eine Gesamtdauer von 21 Minuten, können aber auch getrennt oder in kleineren Gruppen aufgeführt werden. In diesem Fall schlägt der Komponist folgende Anordnungen vor:

Bagatellen I–IV, oder VI–VIII, oder I-VI-II-IV, oder I-VII-VIII-IV, oder I-II-IV-V-VI. Es steht dem Interpreten frei, andere Anordnungen zu wählen.

{Sigrid Wiesmann}

 


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Bagatelle - Analyse
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