Fantasien und Träume über den Durst, die Gewässer, die Trunk- und Vergnügungssucht
(Eine Parodie auf Elemente des Donauwalzers von Johann Strauß Sohn)

Dieses Werk wurde vom EXPO Office Austria im März 2008 beim Komponisten in Auftrag gegeben.

Besetzung: für Violine, Bratsche, Violoncello, Kontrabass und Klavier
Uraufführung: am 19. Juli 2008 beim Galadinner anlässlich des Österreichtages auf der Weltausstellung im Rathaus der Stadt Saragossa, durch ein Quintett der Wiener Philharmoniker
Aufführungsdauer: ca. 11 Minuten
Aufführungsmaterial: ECA Nr. 1658 Partitur (Auschnitt, Pdf)
Erhältlich über:
Edition Contemp Art (Verlagsgruppe Hermann)
Goldschmiedgasse 10, 1010 Wien
email: sales{at}hermann.eu | Tel: +43 / 1 / 534 62 40 | Fax: +43 / 1 / 534 62 67

 

René Staar: Notizen zum Werk

Als ich im Februar 2008 vom Cellisten und Schriftsteller Rupert Schöttle gebeten wurde, für eine Aufführung bei der Expo 2008 in Saragossa (Spanien) eine Art Donauwalzerparaphrase zu schreiben, konnte ich mir zunächst nicht vorstellen, auf der Basis eines der populärsten Stücke des 19. Jahrhunderts – einer Art geheimer österreichischer Nationalhymne – ein solches Stück zu schreiben. Zumal mir Wasser als Leitlinie der Expo als Thema zu ernst, zu existentiell für alle Menschen der Welt erschien (und noch immer erscheint), um es an eine Paraphrase in der Art der Opernfantasien des 19. Jahrhunderts zu verschenken.

Nach mehreren Gesprächen mit Vertretern des Expo Office Austria und mit Rupert Schöttle wurde mit bewusst, dass man dieser Aufgabe nur dann beikommen konnte, wenn man das Projekt sowohl thematisch wie auch formal vom musikalischen Gehalt des Walzers loslöst und in einen vollkommen anderen Kontext stellt – wie das in Werken mit außermusikalischem oder parodistischem Bezug der Fall ist.

Dabei entsann ich mich einer meiner frühesten Kompositionen April (für Violine und Klavier), entstanden in den 1970er Jahren und sozusagen ein letzter noch verbliebener Rest aus dem ansonsten von mir vernichteten Fundus von Werken, die ich für meine Kompositionsdiplomarbeit geschrieben hatte. Oft verändert und umgearbeitet war das Stück am 1. April 1978 mit dem österreichischen Pianisten Klaus Christian Schuster in Weiz (Steiermark) uraufgeführt worden.

April persiflierte ungeniert die eitle Selbstdarstellung von Richard Strauss in einigen seiner Werke (Ariadne, Capriccio, Heldenleben) mit der Einsetzung einer Gegenfigur, eines Antihelden, dessen Peinlichkeiten in einer Art ironischem Spiel (mit Zitaten aus den Meistersingern über Schuberts Fantasie bis hin zu Chopins Polonaisen und Elementen der Avantgarde) theatralisierend dargeboten werden.

In Erinnerung an dieses alte Stück entstand die Idee, einen unter Durst und Halluzinationen leidenden Menschen – vielleicht ein verirrter Tourist in der Wüste? – als Medium für dieses neue Werk zu wählen, ähnlich wie das der Antiheld in April gewesen war. Dieser müsste natürlich ein Wiener sein, oder doch jemand, der vom Walzerklischee geprägt wurde.

In einer Art Fata Morgana vermischen sich Traum und Realität. In einem mit »Luftspiegel« betitelten Teil formen sich die einzelnen Intervalle der berühmtesten Themen des Donauwalzers in einer seltsam naturalistischen Darstellung, aus der sich dann ein Walzer-Alptraum entwickelt, in dem die bekannten Strauß-Walzer von rückwärts nach vor gespielt werden: nicht nur harmonisch verfremdet, sondern auch in verschiedenen Registern und Zeitebenen, die zum Teil fundamental gegeneinander kontrastieren. Es entsteht sozusagen ein in der Erinnerung gefalteter und zerknitterter Donauwalzer, der im Wind hin und her schwingt wie eine alte Tür, die in einer Geisterstadt nur mehr an einem Scharnier hängt. Schließlich erwacht der vermeintlich Verdurstende aus seinem Walzertraum und findet sich inmitten einer feiernden, grölenden Masse wieder, die einem Rockkonzert beiwohnt, nur um zu erkennen, dass er nicht weiß, ob das alles nun die Realität seines Lebens oder doch wieder nur ein Traum ist.

Diese Werke scheinen – durch die Verknappung der Teile, ja eine Tendenz der radikalen Reduktion auf Wiedererkennungsmotive mit schablonenhaft anmutenden Überleitungsteilen – Erscheinungen der klassischen Unterhaltungsmusik der 2. Hälfte des 19. und der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts zu ähneln, die (im Genre der Operette) Potpourri und (bei Jazz und Musical) Medley genannt wurden. Doch gibt es Unterscheidungsmerkmale, die unübersehbar sind und meinen Stücken den Ruch des »aus der Mode gekommenen, überholten« nehmen. Das ist zum einen eine harmonische Entwicklung, aus der heraus sich morphologisch die verschiedensten Gebilde und Gedanken zu entwickeln suchen. Eine Wurzel bringt viele verschiedene Erscheinungsformen hervor. Im Gegensatz zur Variation beziehen sich diese Formen jedoch nicht auf ein Thema, sondern auf Prinzipien der harmonischen Entwicklung. Zum anderen verhilft die tendenzielle Unterordnung des wiedererkennbaren Motivs unter eine sinngebende Harmonik auch den Überleitungen dazu, nicht nur routinierte Zwischenteile aus der Trickkiste, sondern ein besonderes Erlebnis innerhalb eines Musikstücks zu sein.

Die Ironie des Schicksals spielt auch in der auf den Kopf gestellten Fata Morgana eine bedeutende Rolle, wie die Ironie generell in vielen meiner Werke zuweilen ganz unvermutet ausbricht. Schon im Titel schwingt eine ironische Note mit, zunächst mit dem vorangestellten klein geschriebenen Artikel »eine«.

Sowohl April als auch Fata Morgana gehören zu einem Werktypus, der in meinem Schaffen eine wichtige Rolle spielt. In diesem steht ein Individuum einer Gruppe gegenüber, dem Unterschied von Individualität und Gruppendynamik kommt also eine zentrale Bedeutung zu.

Wir alle sind befangen und haben unsere eigenen Vorstellungen und Fantasien. Auch sind wir imstande, unsere eigenen Vorstellungen seiten- und spiegelverkehrt zu sehen oder auch auf den Kopf zu stellen. Die Vorstellung des Komponisten, sich in einen Menschen hineinzuversetzen, der zu verdursten droht, ist genauso eine Fata Morgana, wie diejenige des Mediums, das sich ausgerechnet in dieser existentiell bedrohlichen Lage in die Illusion begibt, den – natürlich unzählige Male auf den Kopf gestellten, gebrochenen und verfremdeten – Donauwalzer zu hören, ein Stück, das wie kein zweites mit der prachtvollen Vergangenheit eines mitteleuropäischen Staates assoziiert wird, und das weniger an Wasser als Lebenselixier, als an eine besondere, längst vergangene Gesellschaftsform gebunden erscheint.

Doch auch diese Vorstellung wird im letzten Teil der Komposition zweimal auf den Kopf gestellt: zunächst durch die Katapultierung des »historischen« Traums von einer konservativen, bewahrenden Gesellschaft in eine Zeit des Massenkonsums und der scheinbaren Selbstbestimmung des Menschen, die raffiniert manipuliert und gelenkt wird, in eine Zeit, in der Politik, Wirtschaft und die Medien materielle Güter einer unkritischen Masse als qualitätsbestimmend vorgeben. Ohne Rücksicht werden die letzten Ressourcen des Planeten verspielt, und bereits jetzt stehen große Teile der Menschheit vor dem existenziellen Ruin: dennoch wird weiter expandiert und durch Raubbau an der Natur die Vernichtung des Lebensraums für den Menschen vorangetrieben.

Am Schluss des Stückes wird noch ein letztes Mal durch die Abstraktion der einzelnen Harmonien der Donauwalzer auf den Kopf gestellt, der sich (wie die Fantasie des Rockkonzerts) nur als ironischer Traum entpuppt – eben als Fata Morgana eines vom Verdursten bedrohten Individuums. Darauf kann das Klavier nur mehr als ironische Geste in den letzten Takten virtuosen Floskeln im Stil des 19. Jahrhunderts antworten – als ob alles, die Menschheit, die Kultur, ohnehin in den Bereich des Belanglosen gehörte. (René Staar, 22. Juni 2008)