Den Wiener Streichersolisten »in memoriam Christian Zalodek« gewidmet

Die »endgültige Fassung« ist der Stadt St. Petersburg zum 300. Jahrestag seiner Gründung gewidmet.

Erste Fassung: 1991
Endgültige Fassung:
1995–2003

Besetzung: 5 Violinen, 2 Violen, 2 Violoncelli und Kontrabass
Uraufführung der 1. Fassung: 25. Juni 1991, Festival de Paris (Salle Gaveau), Interpreten: Wiener Streichersolisten
Österreichische Erstaufführung: 1992, Wien, Musikverein, Zyklus »150 Jahre Wiener Philharmoniker«
Uraufführung der 2. Fassung: 1992 in Sendai, Japan
Uraufführung der endgültigen Fassung: 29. Juni 2003, St. Petersburg (kleiner Saal der St. Petersburger Philharmonie) bei den »Weißen Nächten« durch die Wiener Streichersolisten und den Komponisten

Österreichische Erstaufführung der endgültigen Fassung
: Herbst 2004, Graz Stefaniesaal
Finnische Erstaufführung: 30 Juni 2003 beim Festival in Mikkeli
Aufführungsdauer: ca. 17 Minuten

Notenmaterial: ECA Nr. 9014 Partitur (Ausschnitt, Pdf)
Erhältlich über:
Edition Contemp Art (Verlagsgruppe Hermann)
Goldschmiedgasse 10, 1010 Wien
email: sales{at}hermann.eu | Tel: +43 / 1 / 534 62 40 | Fax: +43 / 1 / 534 62 67

Hörprobe:

René Staar - Metamorphosen eines Labyrinths op. 22a


Wiener Streichersolisten unter René Staar
Live-Mitschnitt der Uraufführung der 2. Fassung, Tokio 1992

Notizen zum Werk:

Von der klassischen Minotaurussage bis zu den psychoanalytischen Seelenwanderungen unseres Jahrhunderts hat sich das Labyrinth immer wieder als wandelbares Symbol erwiesen. Die Undurchdringlichkeit des Wissens und der technologischen Machbarkeit unserer Zeit, die Unfähigkeit des Menschen, kausale Zusammenhänge zu begreifen und zu beherrschen, stellen ein neuartiges Labyrinth dar, scheinbar ausweglos und mit Zukunftsängsten durchsetzt. Paradoxerweise erliegt er aber auch der Faszination des Neuen, Unerwartetem und provoziert so stets andere Metamorphosen dieses Labyrinths. So erweitert es sich auch zu einem Gefühlslabyrinth zwischen Lebensrausch und Verzweiflung.

Franz Kafkas »Briefe an Felice« offenbaren die Ängste des Künstlers, eine feste Bindung mit einem geliebten Menschen einzugehen, die seine schöpferischen Kräfte einengen könnte, und das gleichzeitig schmerzliche Verlangen, sich auszudrücken in seiner Kunst, die von eben diesem Menschen nicht verstanden wird. Dieses Labyrinth, dessen unsichtbare Mauern die Umwelt und dessen geheime Gefangene unsere Gefühle sind, bildet den Anstoß zum Werk von René Staar.

Die Einzelperson, das Individuum (dargestellt durch die Solovioline) wird dabei mit der labyrinthisch anmutenden Umwelt (dem Streicher-Ensemble) konfrontiert. Räumliche Komponenten werden dabei genauso genützt (u. a. in verschiedenen Aufstellungen des Ensembles) wie musikalisch-motivische und harmonische Arbeit. Ihre Überschriften – wie z. B. Erwachen im Labyrinth, die Unentrinnbarkeit des Labyrinths oder die Schönheit des Labyrinths – drücken sowohl den sprunghaften Wandel unserer Gefühle (durch die Solovioline) aus, als auch die unabänderlichen, unbeirrbaren Metamorphosen unserer Umwelt, des Labyrinths. Das Streben des Menschen nach einem Ausweg aus dem Labyrinth führt ihn nur zu der Erkenntnis, dass er in einem neuen, größeren, vielleicht faszinierendem, vielleicht grausamen Labyrinth gefangen ist.

Die indirekte Anregung zu dem Werk, das René Staar mit Hilfe der von ihm entwickelten Akkorddispositionstheorie schrieb, stammt von Philippe Entremont, der den Komponisten und seinen Textautor Alan Levy 1986 anlässlich der Uraufführung von Just an Accident? in New Orleans bat, eine Oper zu schreiben, die auf Kafkatexten beruhen sollte. Metamorphosen eines Labyrinths entstanden im Frühjahr 1991, sozusagen als Prolog zu diesem Werk.
Mehrere Umarbeitungen führten schließlich zur endgültigen Fassung, die der Stadt St. Petersburg zum 300. Jahrestag seiner Gründung zugeeignet ist.