O DIA DEPOIS DA CHUVA
THE DAY AFTER THE RAIN
LE JOUR APRÈS LA PLUIE
ДЕНЬ ПОСЛЕ ДОЖДЯ

Portugiesischer Originaltext von Fernando Pessoa

Deutsche Fassung: vom Komponisten nach Übersetzungen von Inés Koebel und Georg Rudolf Lind überarbeitet
Englische Fassung: Richard Zenith
Französische Fassung: Francoise Laye
Russische Fassung: Natalia Gruendler

Besetzung: für Sprecher, Violine, Viola, Violoncello, Flöte, Klarinette, Akkordeon und Klavier
Uraufführung: Dezember 2006 in Tokio
Österreichische Erstaufführung: 16. Jänner 2007 im ASC
Aufführungsdauer: ca. 26 Minuten

 

Künstlerschaft und Künstler als Symbole für Menschheit und Mensch, aber auch die Spannung zwischen Individuum und Massengesellschaft haben den Komponisten René Staar immer interessiert. Sein erstes größeres Werk (Just an Accident? op. 9 nach einem englischen Text des amerikanischen Journalisten Alan Levy) beschäftigte sich mit absurden Todesfällen verschiedenster Menschen, in der Überzahl Künstler.

Der Tag nach dem Regen entstand 2006 und ist eine Parallelmusik zur Lesung zweier Fragmente aus dem Buch der Unruhe des portugiesischen Schriftstellers Fernando Pessoa (1888-1935). Das erste (Fragment 191) beschäftigt sich mit der Stellung des zeitgenössischen Künstlers inmitten einer oftmals feindseligen, zumindest aber verständnislosen Gesellschaft, das zweite (Fragment 152) zeigt die Trauer des Künstlers über die Unvereinbarkeit zwischen Perfektionsdrang und Realisation eines Kunstwerks auf.

 »Überdruss« ist eines der Lieblingsworte Pessoas und eines der Symptome des Lebens westlicher Gesellschaften geworden: ein Zuviel an allem. Trostlosigkeit und Müdigkeit machen sich breit in einer an materiellen Gütern reichen Kultur.

Der stete Konflikt, der stete Wechsel zwischen dem Innenleben eines Individuums und der ihn umgebenden Welt, nicht nur der Gesellschaft, sondern auch der Natur, den Gerüchen, den Lauten der Stadt und der Natur, und den visuellen Eindrücken: das ist es, was die Aufzeichnungen dieses Buchs der Unruhe prägt. Selbsterforschung bis zum Exzess, mit allen Irrtümern, Lügen, Eindrücken, Verzerrungen der Wahrnehmung, aber auch Reaktion auf winzigste Ereignisse halten uns gefangen in diesem Labyrinth, das da Mensch genannt wird. Mit wissenschaftlicher Akribie seziert Bernardo Soares (eines der Heteronyme Pessoas, in dessen Namen er diese Notizen verfasste) sich selbst bis hin zur Selbstaufgabe.

Die Einsamkeit des selbstständig denkenden Menschen in all seinen Widersprüchen, seine Sehnsucht nach Befreiung wird durch die selbstauferlegte Zerstörung selbst kleinster Anzeichen von Illusionen oder falschen Gefühlen aufrecht erhalten, ebenso wie von einem hohen moralischen Anspruch, obwohl Glaube und auch Moral im herkömmlichen Sinn – als anerzogenes Verhaltensmuster – abgewehrt werden.

Pessoas Buch der Unruhe ist kein Text, der einfach in Musik umsetzbar wäre. Weder kann man ihn musikalisch illustrieren oder umdeuten, oder ihn gar in traditionellem Sinn vertonen. So kann man nur einen Weg suchen, durch Assoziationen und Analogien den Text einzufangen und ihm eine musikalische Parallelstruktur zur Seite zu stellen. Dabei kann der Sprecher oder die Sprecherin eine von fünf Sprachen wählen, in der die Texte parallel zur Musik gesprochen werden können.

Der Text wird in einzelne Abschnitte zerteilt frei gesprochen, während die musikalische Substanz von einer harmonischen Entwicklung geprägt wird, die wie ein nie endendes Band den scheinbar nie endenden Eintragungen in dieses Buch der Unruhe gleicht. So wie der Komponist sich aber nur zwei der über fünfhundert Fragmente aus dem Buch der Unruhe für sein Stück herausgesucht hat, so wird die harmonische Substanz von zwei Paaren verschiedener Fünfklänge gebildet, deren Umkehrungen, Transpositionen und Dispositionen Ursache und Wirkung dieses Bandes entstehen lassen.

Gegliedert wird das Stück einerseits durch die Differenzen zwischen den beiden Akkordpaaren, andrerseits durch die dazwischen geschobenen Soloteile verschiedener Instrumente.

Die Irrationalität des rhythmischen und formalen Verlaufs der Musik entspricht der Irrationalität des Lebens und der Entwicklung von Kunst und des individuellen Ausdrucks als Folge zufälliger begünstigender oder verhindernder Umstände, in einer Welt, in dem der Künstler sich dem eiskalten Wind der Ignoranz stellen muss, der ihm zunehmend ins Gesicht bläst, wie ihn Pessoa in seinen Aufzeichnungen charakterisiert hat. Vermeintliche Schwerpunkte und Zäsuren sind nur unsichere Haltegriffe inmitten der sich stets verändernden aber auch veränderbaren Grundlagen, die stets Neuorientierung und Neuausrichtung erfordern.

Doch Musik ist keine Literatur, und so ist dieses Werk vor allem ein Stück der Suche. Nicht primär der Suche nach Akzeptanz oder Verständnis, wie dies oberflächlich vielleicht die Texte Pessoas evozieren, sondern der Suche nach sich selbst, dem Sinn von Kunst, vielleicht auch nach einem neuen Verhältnis von Wort und Ton. Und so gibt dieses Stück keine Antworten, sondern wirft vielmehr Fragen auf: Fragen nach dem Geheimnis des Schaffens, des Einfalls und nach jener geheimnisvollen Spiegelfigur, die dem Komponisten den Titel des Werks in einem Moment wunderlicher Neugier einsagte ...