15 Duos für Violine und jeweils ein anderes Instrument op. 24 A

Der Dialog ist die bestimmende Idee der Gemini Duette. René Staar geht in ihnen nicht nur dem Experiment des ausgefallenen Zusammenklangs nach, wie er durch verschiedene Klangfarben entstehen kann, sondern er verfolgt auch inhaltlich und formal sehr divergierenden Ansatzpunkte.
In jedem der Duette werden Prozesse, die zwei verschiedene Akkorde miteinander verbinden oder auch gegeneinander konfrontieren, als formbildendes Element, das auch die Melodiebildung, ja auch den Charakter beeinflusst, in mannigfacher Art gebildet. Rotation und Permutation bilden die Intervalle der Akkorde stets aufs Neue, Umkehrungen, Dispositionen und Transpositionen werden dabei stets in neuen formalen Prozessen neu strukturiert. Aber auch die Rhythmik unterliegt denselben Gesetzen, die jedes der Duette zu eigenständigen Stücken formt, die getrennt oder in beliebiger Reihenfolge aufführbar sind.
Zwischen 1991 und 2000 schrieb Staar am „Premier Livre“ seiner Gemini Duette (die sogenannte A-Serie), die Kombinationen von jeweils zwei vierstimmigen Akkorden, die – jeder anders – ganz aus Sekundintervallen gebildet sind und sich innerhalb eines Rahmens bewegen, den der Tritonus vorgibt, zum Ausgangspunkt der Komposition nehmen. In seiner endgültigen Form umfasst das Premier Livre insgesamt 15 Duette.

A1 Duo für Violine und Flöte (1991)
»für Wolfgang Schulz«

Entstehungsdatum: Wien, am 22. Jänner 1991
Uraufführung:
1991 Tokio durch Günter Federsel und René Staar
Aufführungsdauer: 1'50
Notenmaterial: ECA Nr. 72001/01 Partitur (Ausschnitt, Pdf)

Das Duo A1 für Violine und Flöte wurde für Wolfgang Schulz, den Soloflötisten der Wiener Philharmoniker geschrieben. Über das Komponieren mit Akkorddispositionen hinaus lassen in dem kurzen Stück auch andere formbildende Elemente bewusst die Grenzen traditioneller Kompositionstechniken hinter sich.
Eine sich ganz aus den Relationen der Tempi ergebende neuartige Rhythmik ist dabei genauso wichtig wie die Auswahl verschiedenartiger Zeitfelder, die prägend die zeitliche Dimension der harmonischen Entwicklungen mitbestimmen. Als quasi dritte rhythmische Dimension wirkt sich außerdem noch eine gegenläufige Akzentuierung der Bewegungsformeln aus, die dem Geschehen eine zusätzliche Spirale verleiht.

René Staar - Gemini Duets A1


Günter Federsel und René Staar
Livemitschnitt 20. September 1997 im ORF Sendesaal (Jubiläumskonzert 10 Jahre Ensemble Wiener Collage)

 

A2 Duo für Violine und Violoncello (1991)
»für Franz Bartolomey«

Entstehungsdatum: Wien, am 17. Februar 1991
Uraufführung:
1996, Wien durch Philipp von Steinaecker und René Staar
Aufführungsdauer: 2 Minuten
Notenmaterial: ECA Nr. 72001/02 Partitur (Ausschnitt, Pdf)

Das Duo A2 für Violine und Cello wurde für Franz Bartolomey, den philharmonischen Solocellisten, geschrieben. Es ist in verschiedene Phasen eingeteilt, deren einzelne Charaktere vom Komponisten mittels Buchstaben gekennzeichnet wurden. Jede Phase trägt 2-3 charakteristische Entwicklungen, die das Stück klar strukturieren (Phase 1a: wild, aufgewühlt; Phase 1b: dolce e legatissimo; Phase 1c: giocoso; Phase 2a: grandioso; Phase 2b: misterioso; Phase 3a: dramatico; Phase 3b: schwebend, leicht drängend; Phase 3c: brutal; Phase 4a: filigran; Phase 4b: stets steigernd; Phase 4c: tumultartig; Phase 5a: deutlich phrasierend; Phase 5b: stark akzentuierend, pesante, vivo). Die kontrapunktische Verzahnung steht im Mittelpunkt.

 

A3 Duo für Violine und Viola (1991)
»Für Wolf-Dieter Rath«

Entstehungsdatum: Toronto, am 24. Februar 1991
Uraufführung:
1991 Kyoto durch Wolf-Dieter Rath und René Staar
Aufführungsdauer: 2 Minuten
Notenmaterial: ECA Nr. 72001/03

Die formale Komponente des Duos A3 für Violine und Viola ist von einer filmschnittartigen Strukturalisierung geprägt – deshalb werden die drei einzelnen Teile als »Cut« bezeichnet. Jeder dieser Cuts stellt eine Steigerung des Gesamtgeschehens durch eine stufenweise Beschleunigung dar, trotzdem beherrschen weiche Linien und wellenförmige Bewegungsformen hier das Gesamtgeschehen. Widmungsträger des Stücks ist der Bratschist der Wiener Philharmoniker Wolf-Dieter Rath, der es gemeinsam mit dem Komponisten 1991 in Kyoto auch uraufgeführt hat.

 

A4 Duo für Violine und Klarinette (1991)
»Für Ernst Ottensamer«

Entstehungsdatum: Tokio, am 7. März 1991
Uraufführung:
1991 Kyoto durch Ernst Ottensamer und René Staar
Aufführungsdauer: 1 Minute
Notenmaterial: ECA Nr. 72001/04

Das Duo A4 für Violine und Klarinette entstand für den philharmonischen Soloklarinettisten Ernst Ottensamer und ist das bislang kürzeste der Gemini-Reihe mit einer knappen Minute Spielzeit. Ein rasch pulsierender Geschwindmarsch – durchsetzt von erregenden Synkopierungen und variablen Metren – gibt dabei die Richtung und das Tempo an.

René Staar - Gemini Duets A4


Stefan Neubauer und René Staar (Studio 4tunes)

 

A5 Duo für Violine und Piccolo (1991)
»Für Günter Federsel«

Entstehungsdatum: Wien, am 1. Dezember 1991
Uraufführung:
1995 Bratislava durch Günter Federsel und René Staar
Aufführungsdauer: 5 Minuten 20
Notenmaterial: ECA Nr. 72001/05

Das Duo A5 für Violine und Piccolo erscheint auf den ersten Blick konventionell der klassischen Variationsform nachzustreben. Doch wird durch eine Art Umkehr üblicher Klischees eine neuartige Facette der Behandlung der Piccoloflöte sichtbar. Der Piccoloflöte wird ihre übliche Zuwendung zum grellen, alles andere übersteigenden höchstmöglichen Pol genommen, ja durch Geigenflageolette gerät sie zuweilen sogar zur Unterstimme. Ihre traditionellen Charakterisierungen werden in diesem grundsätzlich mit piano dynamisierten Stück nur als Kontrastmittel eingesetzt. Formal arbeitet der Komponist mit einem stets abgewandeltem Refrain und kontrastierenden Episoden, die quasi als Erinnerung traditionelle Piccolospielweisen karikieren. Für den philharmonischen Flötisten Günter Federsel geschrieben, wird dieses Stück mit mehr als 5 Minuten Spieldauer zu einem Miniepos, dessen formale Einteilung in Refrain und Episoden eine ganz eigene formale Ausprägung erhält.

 

A6 Duo für Violine und Posaune (1991/92)
»Für Rudolf Josel«

Entstehungsdatum: Wien, Dezember 1991 – Jänner 1992
Uraufführung:
am 29. Juni 2002 im ASC durch Ian Bousfield und René Staar
Aufführungsdauer: 3 Minuten 40
Notenmaterial: ECA Nr. 72001/06 Partitur (Ausschnitt, Pdf)

Im Duo A6 für Violine und Posaune greift der Komponist den Marschcharakter des Duos A4 erneut auf, der hier jedoch durch Glissandoorgien beider Instrumente und unerwartete rhythmische Verschränkungen ins Groteske, Skurrile gesteigert wird. Posaune und Violine ergehen sich in einem satirischen Wettkampf, dessen Treiben ganz auf den Charakter des philharmonischen Soloposaunisten und Widmungsträgers Rudolf Josel zugeschnitten ist.

René Staar - Gemini Duets A6


Live-Mitschnitt der Uraufführung

 

A7 Duo für Violine und Tenorsaxophon (1995)
»Für Peter Rohrsdorfer«

Entstehungsdatum: Wien, am 18. Juli 1995
Uraufführung:
Bratislava 1995 durch Peter Rohrsdorfer und René Staar
Aufführungsdauer: 2 Minuten 30
Notenmaterial: ECA Nr. 72001/07 Partitur (Ausschnitt, Pdf)

Das Duo A7 für Violine und Tenorsaxophon lebt von dem Spannungsverhältnis zwischen Zweier- und Dreierteilungen verschiedener Einheiten. Relationen und Zeitfelder werden bewusster eingesetzt als beispielsweise im Duo A1. Spannung und Entspannung der Akkordentwicklungen werden aus einer eingeplanten Strukturerweiterung gewonnen, die formbildend für das Stück erscheint, obwohl sie zu keinem Augenblick melodisch oder harmonisch hörbar relevant ist oder aus dem vorgegebenen Rahmen fällt. Gewidmet ist das Stück dem Saxophonisten des Ensembles Wiener Collage, Peter Rohrsdorfer.

René Staar - Gemini Duets A7


Peter Rohrsdorfer und René Staar (26. April 2008 im ASC)

 

A8 Duo für Violine und Akkordeon (1997)
»Für Alfred Melichar«

Entstehungsdatum: Wien, am 14. April 1997
Uraufführung:
am 20. September 1997 im ORF Sendesaal (Jubiläumskonzert 10 Jahre Ensemble Wiener Collage) durch Alfred Melichar und René Staar
Aufführungsdauer: 2 Minuten 30
Notenmaterial: ECA Nr. 72001/08

Im für den Akkordeonisten Alfred Melichar geschriebenen Duo A8 für Violine und Akkordeon ergeben sich, durch fließende Verschränkungen des Violinklangs mit dem des Akkordeons, scheinbar atmosphärische Wandlungen, die allmählich durch Tempo- und Charakterwechsel sehr intensiv werden, um durch Auflösung des Zielakkords plötzlich ins Nichts zu verschwinden. Die formale Struktur ist hier bewusst und im Interesse von Stimmung und Spielfluss vereinfacht worden.

René Staar - Gemini Duets A8


Alfred Melichar und René Staar (Studioproduktion ORF)

 

A9 Duo für Violine und Kontrabass (1997)
»Für Michael Seifried«

Entstehungsdatum: Wien, am 14. Mai 1997
Uraufführung:
am 20. September 1997 im ORF Sendesaal (Jubiläumskonzert 10 Jahre Ensemble Wiener Collage) durch Michael Seifried und René Staar
Aufführungsdauer: 1 Minute 50
Notenmaterial: ECA Nr. 72001/09

Das Duo A9 für Violine und Kontrabass wurde für den Kontrabassisten des Ensemble Wiener Collage, Michael Seifried, geschrieben. Es spielt mit Temporelationen innerhalb eines komplexen rhythmischen Gefüges und erzeugt deshalb extreme Charaktersteigerungen und -wandlungen, wobei Synkopen- und Akzentwirkungen die Absurdität des vorbeieilenden Geschehens unterstützen. Formal wird das Werk vor allem durch komplexe Temporelationen geprägt, die in Kontrast zu harmonischen und rhythmischen Wendungen stehen.

René Staar - Gemini Duets A9

 

A10 Duo für Violine und Trompete (1998)
»Für Martin Angerer«

Entstehungsdatum: Wien, am 16. April 1998
Uraufführung:
4. Juni 1998, Wien durch Martin Angerer und René Staar
Aufführungsdauer: 4 Minuten 20
Notenmaterial: ECA Nr. 72001/010

Ein längeres Stück ist das Duo A10 für Violine und Trompete, geschrieben für den jungen Trompeter des Ensemble Wiener Collage, Martin Angerer. In dem Stück wird versucht, einer Idee zwei Entwicklungsgedanken mitzugeben. So gibt es zwei Hälften eines gestaltgebenden Satzes – die eine formend, die andere entwickelnd – die in fünf verschiedenen Erscheinungsformen erklingen. Diese Erscheinungsformen unterscheiden sich in der Harmoniefolge und -anordnung (bis hin zur Anzahl der miteinander kombinierten Akkorde), in der rhythmisch-artikulierten Gestalt, im Tempo und Metrum, in der Beziehung der beiden Instrumentalstimmen zueinander, und haben daher mit der Variationsform nichts gemeinsam. Es ergeben sich eigenartige Klangbilder wie etwa die durch den Wow-wow-Dämpfer sordinierte Trompete, die anfangs ihre Rhythmik mit Hilfe von Dämpfereffekten artikuliert und synkopisch in Kontrast zu der in Dreier- und Fünfergruppen eingeteilten Fünf-Achtelbewegung der Violine steht.

 

A11 Duo für Violine und Tuba (1998)
»Für Ronald Piesarkiewicz«

Entstehungsdatum: Salzburg, 15. August 1998
Uraufführung:
13. Dezember 1998, Wien durch Ronald Piesarkiewicz und René Staar
Aufführungsdauer: 3 Minuten 45
Notenmaterial: ECA Nr. 72001/011

Das für den philharmonischen Tubisten Ronald Pisarkiewicz geschriebene Duo A11 für Violine und Tuba schrieb der Komponist als Kritik an der gekünstelten Erstarrung neuer Musik im Klischee der »Fasslichkeit durch ein größeres Publikum«. In einer Parodie barock-klassischer Formelhaftigkeit wird die Basstuba als Quasi-Orgelpunkt in einer Suite »im alten Stil« (ein beliebtes Beiwort vieler deutscher Komponisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts) eingesetzt, seltsam versetzt in Präludium, Gavotte und »quasi«-Chaconne.

 

A12 Duo für Violine und Oboe (2000)
»Für Gottfried Boisits«

Entstehungsdatum: Island Pond, N.H./Salzburg Juli/August 2000
Uraufführung: am 16. Jänner 2007 im ASC durch Marian Vasile und René Staar
Aufführungsdauer: 2 Minuten 30
Notenmaterial: ECA Nr. 72001/012

Das Duo A12 wurde 2000 für Violine und Oboe komponiert: Widmungsträger ist der philharmonische Oboist Gottfried Boisits. Hier wird musikalisch ein Prozess initialisiert, der von der Verschmelzung zweier Klangfarben in ein Klang- und Artikulationsspektrum zwischen Oboenstaccati und Violinenglissando führt, also von einer Verbindung der durch die Oboe strukturierten Begrenzungstöne bis hin zu totaler Unabhängigkeit beider Instrumente.

René Staar - Gemini Duets A12


Live-Mitschnitt der Uraufführung

 

A13 Duo für Violine und Harfe (2000)
»Für Xavier de Maestre«

Entstehungsdatum: Island Pond/Wien Juli-17.November 2000
Uraufführung
: 13. Juni 2012 im ASC (Wien) durch Gabriela Mossyrsch und Bojitara Kouzmanova
Aufführungsdauer: ca. 3 Minuten
Notenmaterial: ECA Nr. 72001/013
Pre-Concert Lecture (Englisch)

Das Xavier de Maestre zugeeignete Duo A13 für Violine und Harfe ist rhythmisch ziemlich verschiedenartig strukturiert. Der durch klassisch anmutende Harfenarpeggi bestimmte Mittelteil wird von zwei vor allem harmonisch extravagant gearbeiteten Teilen umrahmt, die beide Instrumente ziemlich unabhängig voneinander agieren lässt. Ein Virtuosenstück für zwei grundverschiedene Instrumente.

 

A14 Duo für Violine und Schlagzeug (2000)
»Für Ulrike Stadler-Fromme«

Entstehungsdatum: Island Pond, Washington, N.H., 26. Juli 2000
Uraufführung
: am 10. Jänner 2003, Wien durch Michael Masciasczyk und Ulrike Stadler-Fromme
Aufführungsdauer: 3 Minuten 50
Notenmaterial: ECA Nr. 72001/014

Mehrere Temporelationen strukturieren das rhythmisch determinierte, formal strophisch angeordnete Duo A14 für Violine und Fellinstrumente (Percussion: Bongos, kleine Trommeln, Tomtoms, große Trommel). Variable Metren bieten noch zusätzlich reizvolle, wenngleich komplexe rhythmische Überraschungen.

René Staar - Gemini-Duets Nr. 14


Live-Mitschnitt der Uraufführung

 

A15 Duo für Violine und Fagott (2000)
»Für Harald Müller«

Entstehungsdatum: Salzburg/Wien, August-November 2000
Aufführungsdauer:
4 Minuten 40
Notenmaterial: ECA Nr. 72001/015

Das letzte der Duette des 1. Bandes der Gemini Duette A15 ist für Violine und Fagott geschrieben und Harald Müller, dem philharmonischen Fagottisten, zugeeignet. Das Werk ist ähnlich wie das Duo für Violine und Bratsche A3 sehr melodisch konzipiert, wobei die Rollen hier traditionell verteilt erscheinen: ein Instrument ist als Hauptstimme, das andere begleitend eingesetzt. Die Verarbeitung wird durch mannigfaltige Prozesse der Harmonieverarbeitung getragen, wobei der Komponist besondere Mühe bei Übergängen und Schlüssen angewendet hat.

 


Manuskriptseite
Gemini Duette
Skizze
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Manuskriptseite
Gemini Duette
Akkordanordnungen
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