Diese Sammlung von kurzen Stücken für Bläser, die parallel zu den Studien für Streicher op. 27 entstanden, wurde gleichermaßen für gehobene Unterrichtszwecke wie für den Konzertgebrauch mit seltenen Besetzungen konzipiert.

Die Sammlung hat die Opuszahl 29. Die darauf folgenden römischen Ziffern bezeichnen die Anzahl der Spieler (I = Solo, II = Duo, III = Trio, usw.), die Großbuchstaben die gleichen oder ungleichen Instrumente (A = gleiche Instrumente, B = ein anderes Instrument, C = zwei andere Instrumente, etc.), die arabischen Ziffern die Nummer des jeweiligen Stücks.

Zu diesen Studien gehört auch der integrierte Zyklus Perspektiven paralleler und gegenläufiger Prozesse (op. 29 I Nr. 1; II C Nr. 1; IV H Nr. 1), der in einem eigenen Eintrag dargestellt wird.

 

Studie für B-Klarinette »Lo-Shu« op. 29 I Nr. 2

»Stefan Neubauer freundschaftlich zugeeignet«

entstanden im Juni 2022
Aufführungsdauer: 5’10’’
Uraufführung: am 26. September 2023 durch Stefan Neubauer, im Arnold Schönberg Center, Wien.

Studie für B-Klarinette »Lo-Shu« op. 29 I Nr. 2

Das Lo-Shu ist das einzige magische Quadrat der Ordnung 3, d.h. es gibt im Quadrat neun Felder – waagerecht, senkrecht und diagonal, die mit den Ziffern 1–9 beschriftet werden. Liest man je drei Felder von links nach rechts, von rechts nach links, von oben nach unten, von unten nach oben und diagonal in alle Richtungen, so ergibt die Summe der drei Zahlen immer die Zahl 15. Diese Eigenschaft des Lo-Shu habe ich für die formale Struktur der Klarinettenstudie genützt. 

Dabei gestalten im ersten Teil des Stücks gehaltene Noten mit Vor-, Zwischen- und Nachschlägen, aber auch anderen Verzierungen wie Triller die musikalische Struktur, während unkonventionelle pentatonische Leitern den weiteren Verlauf bestimmen, diese aber eine Metamorphose bis hin zur Chromatik durchlaufen.

In das Stück führt eine Aktion des Klarinettisten ein, der mit seinem Atem und dem An- und Absetzen des Tons auf dem Mundstück des Instruments spielt. Diese Aktion kehrt in stark verkürzter Weise am Stückende wieder. 

 

Studie für zwei Flöten »Libellen« op. 29 II A Nr. 1

»Dieter Flury herzlichst zugeeignet«

entstanden im August 2019 in Wien
Besetzung: für 2 Flöten
Aufführungsdauer: 2 Minuten 30
Uraufführung: - - -

Ausgehend von Überlagerungen chromatischer und ganztöniger Tetrachorde entwickeln sich rhythmische Kontrapunktik und punktierte Rhythmen und quasi hemiolische Bildungen. In äußerster Knappheit durchlaufen diese Strukturen klangliche Kontraste zwischen legati, staccato, Flötenpizzicati und Flatterzungenpassagen, um am Ende wieder in die Tetrachordik des Beginns abzuschwenken, nun allerdings zögerlich und nachdenklich.

 

Studie für Sopran- und Tenorsaxophon »Spiel« op. 29 II B Nr. 1

entstanden am 17. September 2019 in Wien
Besetzung: für Sopran- und Tenorsaxophon
Aufführungsdauer:  5'30''
Uraufführung: - - -

Ein Spiel farblich gleicher Instrumente, nur durch die Tonlage getrennt, präsentiert zwei viertönige Strukturen, die eine chromatisch, die andere ganztönig. In stetem Wettstreit durchlaufen beide Strukturen verschiedene Stadien und Charaktere. Am Ende des Stücks bewegen sich beide Strukturen aufeinander zu – aber knapp vor der Vereinigung bricht das Stück ab.

 

Studie für Flöte und Altsaxophon »Stotternder Motor« op. 29 II C Nr. 2

»Für Erik Freitag zum 80. Geburtstag«

beendet am 23. Januar 2020
Besetzung: für Flöte und Altsaxophon
Aufführungsdauer:  4'15''
Uraufführung: 15. Mai 2020, durch Dieter Flury und Severin Neubauer, in der Alten Schmiede Kunstverein, Wien

Die Studie ist Ausdruck der Verbundenheit mit dem Freund und Kollegen Erik Freitag, mit dem gemeinsam ich das Ensemble Wiener Collage begründen konnte (Eugene Hartzell war der Dritte im Bunde). Ohne Eriks Hilfe hätte es dieser Klangkörper in den ersten herausfordernden Jahren nicht geschafft, und nun existiert er bereits seit mehr als einem Dritteljahrhundert!

Auch als Komponist hat Erik einiges zum Repertoire des Ensembles beigetragen. In zwei seiner fünf für das Ensemble geschaffenen Triaphonien taucht ein Motiv auf, das sich so anhört, als würde ein Motor stotternd absterben. Dieses mehrmals wiederholte Motiv liegt auch meiner Studie zugrunde, die großteils homophon in Zerlegungen von Fünfklängen geführt ist.

 

Studie für drei Posaunen »Toccata« op. 29 III A Nr. 1 

»Stefan Obmann herzlichst gewidmet«

entstanden am 5. September 2023
Besetzung: für drei Posaunen
Aufführungsdauer:  4'35''
Uraufführung: - - -

Bei näherem Hinsehen entpuppt sich diese Studie für drei Posaunen als virtuose Toccata, in der Akzentverschiebungen und viele metrische Wechsel für ein spannendes und lebendiges Wechselspiel sorgen. Die Ausdifferenzierung verschiedener Tetrachorde und modaler Tonleitern lässt auch ein reiches harmonisches Gefüge entstehen, in dem deutliche Signale und eigenwillige synkopische Verarbeitungstechniken als markante Wegweiser für den Verlauf des Stücks fungieren.

 

Studie für zwei Oboen und Englisch-Horn »Aus der Mottenkiste« op. 29 III B Nr. 1

entstanden am 2. November 2019
Besetzung:
für 2 Oboen und Englisch-Horn
Aufführungsdauer:
2 Minuten 55

Der Titel weist darauf hin, dass Faktur (die zwischen Homophonie und polyphonen Elementen hin- und her schwankt) und Besetzung des Stücks etwas Altertümliches, ja Biedermeierliches anhaftet. Die neuen Klangeffekte heutiger experimenteller Musik sind so gut wie völlig ausgespart – nimmt man extreme Register aus – und auch der Charakter des Stücks passt nicht in den Jargon heutiger Kompositionsroutine. »Heiteres« gehört nur selten zum Inventar neuester Musik und wird nur allzugerne in die Schublade »naiv« verbannt. Man könnte versucht sein, diesem Stück eine neoklassische Note anzuheften, doch wird dies durch das eher ausgefallene harmonische Konzept, das sich weitestgehend auf Verschränkungen vorgegebener Muster stützt, nicht bestätigt.

 

Studie für Flöte, Altsaxophon in Es und Horn in F »in drei verschiedenen Geschwindigkeiten« op. 29 III F Nr. 1

komponiert in St. Pietro di Filetto und in Wien 2001
Aufführungsdauer: 1'42''
Uraufführung: 2001 durch das Ensemble Wiener Collage unter René Staar in Wien

Leicht könnte man versucht sein, die in verschiedenen Geschwindigkeiten ablaufenden Modelle dieser und anderer Studien mit den verschiedenen Bewegungsmustern der Studie für Cello und Kontrabass aus den Studien für Streicher op. 27 gleichzusetzen. Doch ist der Unterschied darin zu sehen, dass in der Streicherstudie verschiedene Motive in verschiedenen Bewegungen ablaufen, wohingegen hier gleichartige Bewegungen in verschiedenen Tempi ablaufen. So gleich zu Beginn Tonwiederholungen, was im Horn Halbe sind, wird im Saxophon zu Vierteln und in der Flöte zu Achteln. Zu Beginn spielen alle Instrumente auf demselben eingestrichenen es. Aus diesem Grundmuster entwickelt sich ein Spiel mit Motiven und Linien in diesen vorgegebenen Geschwindigkeiten.

 

Studie für Klarinette in B, Trompete in C und Posaune »in drei verschiedenen Geschwindigkeiten« op. 29 III F Nr. 2

komponiert in Wien und Salzburg 2001
Aufführungsdauer
: 1'50''
Uraufführung: 2001 durch das Ensemble Wiener Collage unter René Staar in Wien

Das Grundmuster dieser Studie in drei verschiedenen Geschwindigkeiten ist wesentlich komplexer als die gleichnamige für Flüte, Saxophon und Horn. Den Duolen der Posaune werden hier Triolen der Trompete und Quintolen der Klarinette entgegengestellt. Hier sind es keine Tonwiederholungen, sondern in der Posaune geht das Stück von vereinzelten Ganztonschritten aus, wohingegen die Trompete hin und her schwenkt und die Klarinettequintolen oft durch die Wiederholung von einem der Töne geprägt werden. Im Laufe des Stücks vereinen sich immer mehrere dieser Zellen. Zusätzlich werden Zeitrelationen eingebaut, die das Stückchen auf eine sich ständig in alle Richtungen bewegende Ebene stellt.

 

Studie für Piccolo, 4 große Flöten und Altflöte in G »Morgenfrische im Garten« op. 29 VI E Nr. 1

»Für Dieter Flury und seine Studenten«

komponiert am 26. September 2020 in Wien
Aufführungsdauer: 2'55"

Diese Sextettstudie für Flöten ist ein Stück in einem sehr lyrischen Charakter, in dem mit Verbindungen von 4–6-stimmigen Akkorden experimentiert wird. Das Stück ist grundsätzlich homophon gehalten, wovon sich jedoch einzelne Soli, kadenenzartige Gebilde und scharf konturierte Passagen abheben.
Für die gleiche Besetzung fertigte Staar auch eine Bearbeitung der nur 22 Sekunden dauernden Miniatur »Dialog« (Nr. 65) aus dem 2. Band von Bartóks Mikrokosmos an.