»Dedicati Harald Ossberger«

scriptum in memoriam J. S. Bach, cuius dies mortis anno 2000 ducentesimo quinqugesimo revenit

work in progress

 

Besetzung: für Klavier

I Canon tribus diversis formis (1'50'')

II Canon in spiras retortus (1'05'')

III Canon duabus formis (1'14'')

IV Canon variis figuris, formis, intervallis (1'18'')

V Canon figuris contra se moventibus (0'40'')

VI Canon perpetuus (1'55'')


Das musikalische Material entspringt den musikalischen Buchstaben des Widmungsträgers   H   A   A    D         S    S    B   E   G   E .

I Canon tribus diversis formis (Kanon in drei verschiedenartigen Ausformungen)

Dieses erste Stück der Serie stellt expositionsartig verschiedene (in späteren Stücken weiter entwickelte) Arbeitsweisen dar:

1) Die Arbeit an den musikalischen Buchstaben in kontrapunktischer Manier, die sozusagen ausschließlich als Originalreihe (also nicht in Krebs oder Umkehrungen) verwendet wird. Die kanonischen Einsätze folgen – zunächst – dem Siebenklang, der aus HA(A)DS(S)BEG(E) gebildet wird, auch wird der Kanon später zur Dreistimmigkeit erweitert. Rhythmisch erhalten die Noten folgende Sechzehntelwerte: 4-3-3-4-3-3-4-3-4-3. Die Dauer mit 4 Sechzehnteln ist einzelnen Noten (HDBG) zugeordnet, die 3-Sechzehntelwerte den wiederholten Tönen (ASE).

2) Durch eine komplexe Temporelation, die mit einer neuen Artikulation verbunden wird, ist als zweite Arbeitsweise die rhythmische Variation und Erweiterung der Stimmenanzahl (hier zu bis zu vier Stimmen) angedeutet.

3) Als letzter Prozess wird hier durch die Verdopplung des Kanons (z.B. wird der DUX durch eine parallel ablaufende Terz verdoppelt) und die Erweiterung dieser parallel ablaufenden Stimmen von 3 über 4, 5, bis 6 und den am Ende alleine dastehenden Siebenklangs eine Achse zur Form des Chorals gelegt, der eine Brücke zum Werk von Bach bildet.

II Canon in spiras retortus (Kanon in Spiralen)

Der zweite »Kanon in Spiralen« führt die musikalischen Buchstaben B-E-G-E-(GIS) zu rhythmischer und harmonischer Verdichtung, wobei die Temporelationen ein entscheidendes Moment werden. Dabei beginnt der Prozess immer im langsamen Zeitmaß und beschleunigt zusehends, wobei das musikalische Material in mannigfaltiger Gestaltung ausgedeutet wird. Nach jedem Prozess beginnt das Tempo wieder etwas langsamer, jedoch auf einer höheren Geschwindigkeitsstufe als der Beginn des ablaufenden Prozesses. Dadurch entsteht der Eindruck eines spiralenförmigen Gebildes. 

Das gehört zu dem Versuch einer Überwindung der an sich statischen Form des Kanons, ebenso wie die Verengung des motivischen Materials und schließlich die Umkehr der Linie in die Vertikale, wie sie beim ersten Kanon durch eine »Choralisierung«, im zweiten durch Gleichzeitigkeit verschiedener Motivtöne erfolgt. Außerdem deutet der Komponist im eigentlich zweistimmigen »Canon in spiris« Möglichkeiten der Wertumkehrung der Stimmen an (Dux wird Comes, Comes wird Dux), auch werden die Linien in der Antwort zuweilen umgekehrt verwendet. 

III Canon duabus formis (Kanon in zwei Formen)

Der Titel bezieht sich auf die beiden verschiedenen Ausformungen dieses Kanons: der erste Teil umschließt eine sich stets steigernde rhythmische Impulshaftigkeit, die u.a. auch durch eine Temporückung gekennzeichnet wird. Der eher aus Bachschen Partiten bekannte, als »Double« bezeichnete variiert-figurierte zweite Teil spult dann die Töne des rhythmisierten Teils als durchgehende rasante Achtelbewegung nochmals ab.

IV Canon variis figuris, formis, intervallis (Kanon in variablen Figuren, Formen und Abständen)

Ein Kanon der verschiedenen Figuren: die Rhythmik der einzelnen Figuren, die im staccato-secco, legato, punktierten Modellen gegenübergestellt werden, wird stets verkehrt, z.B. Achtel + punktierte Achtel + Achtel werden zu punktierte Achtel + Achtel + punktierte Achtel und umgekehrt.

Ein Kanon der verschiedenen Formen: Intervallfigur, Umkehrung der Figur, Krebs und Krebsumkehrung der Figur werden in ganz bewussten Formverläufen ineinander verwoben.

Ein Kanon der verschiedenen Abstände: gemeint sind die Intervall-Abstände der der kanonischen Einsätze, aber auch die Verschiebungen der rhythmischen Abstände der kanonischen Einsätze.

Dazu tritt eine extreme Kontrastierung der Register und der dynamischen Differenzierung, wodurch der Kanon, obwohl sehr streng in seinen eigenen Regeln komponiert, sehr frei und eigentlich gar nicht mehr kontrapunktisch durchkomponiert wirkt.

Wenn man alle vier Kanons betrachtet, fällt die Tendenz auf, das statische Moment der kanonischen Form durch sich selbst weiterentwickelnde Ton- und Rhythmusmodelle zu überwinden. Die Prozesshaftigkeit der Musik ist dem Komponisten wichtiger als stets gleichbleibende Verläufe.

V Canon figuris contra se moventibus (Figuren in Gegenbewegung)

Aus dem raschen auftaktigen Sechzehntelmotiv der vier musikalischen Buchstaben Es-B-E-G (oSsBErGer) entwickelt sich ein Spiel mit den Umkehrungen der einzelnen Intervalle, in der rechten Hand aufwärts steigend, in der linken abwärts fallend. Umkehrungs- und Abspaltungsprozesse führen zur Destrukturierung des Motivs bis zur Brechung in Einzeltöne. Dieser Vorgang wiederholt sich.  Eine Coda, die von einem neuen, zweistimmigen Motiv bestimmt wird (das aus den vorhergehenden gleichsam geronnen erscheint), entwickelt sich dann hin zu arpeggierten Schlussakkorden, deren Intervallvorrat bereits im ersten Sechzehntelauftakt des Stücks manifest wird.

VI Canon perpetuus (Nie endender Kanon)

Hier werden die Möglichkeiten des Kanons so ausgereizt, dass es dafür kein wirkliches Ende gibt. Der Canon beginnt in diesem Stück dreimal: das erste Mal verschwindet er im Nichts (aber eben ohne Ende), das zweite Mal im Klangrausch (aber auch hier könnte er fortgesetzt werden), das dritte Mal als Andeutung eines nochmaligen Versuchs, der sich aber im verschwommenen Pedalklang nicht zu einem weiteren Beginn verdichtet. Die vielstimmigen Muster führen stets zu einem Punkt, von dem aus es keine Rückkehr gibt, es sind sozusagen drei »one way tickets« einer kanonischen Entwicklung ohne Lösungsmöglichkeit. Das Material geht vom Motiv H-D-Es-B (HaralD oSsBerger) und seinen Intervallen aus und führt beim ersten Versuch in die Vierstimmigkeit, beim zweiten in die Verdopplung der Vierstimmigkeit (durch die Verdopplung mittels der großen Sekunde).