Dramatischer Monolog für einen Bariton und Kammerensemble
Text und Musik von René Staar
Librettoübersetzung ins Russische: Natalya Kamaeva-Gründler

Besetzung Kammerensemble: Flöte (alterniert mit Piccolo); Klarinette in B; 1 Trompete (alternierend in C und B); Posaune; Schlagzeug; Akkordeon; Klavier; 1 Violine; 1 Viola; 1 Violoncello; 1 Kontrabass

Uraufführung: am 18. Juni 2015 im Wiener Konzerthaus (Berio-Saal) durch das Ensemble Wiener Collage (im Rahmen des 37. Internationalen Musikfestes der Wiener Konzerthausgesellschaft); Wiederholungen am 19. und 20. Juni

Aufführungsdauer:
15 Minuten

 

Einführung

Das Exil, gesehen mit den Augen eines immer wieder zurückgewiesenen Asylwerbers unserer Zeit, anklagend, provozierend. Denn unser Asylwerber ist kein braver, geduldiger Mann.
Ihm sitzen die Widersacher im Genick, gleichermaßen aus seiner Heimat wie aus den Ländern, die scheinbar Humanität und Menschenrechte predigen.
Er ist kein Bittsteller: er fordert das Recht vehement ein, aufgenommen zu werden, ihn treibt Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit, aber auch Enttäuschung, sein Aufbegehren ist durchdrungen von Selbstbewusstsein. Wie gerne würde er daran glauben, dass man sich seiner annimmt, doch da sind die Gesetze, die das verhindern – Gesetze, die er mit seinem Gerechtigkeitsempfinden nicht in Einklang bringen kann. Seine Entrüstung darüber hat seine Enttäuschung in kalte Arroganz verwandelt.
In einem kurzen Vorspiel wird die Atmosphäre der Angst und der Einengung hörbar. Der Protagonist lebt im ganzen Stück mit der Furcht, entdeckt, zurückgewiesen, ja vernichtet zu werden. Die Bühne wird zur Bühne der rasch folgenden emotionalen Zustände des Namenlosen. Trotz der Ernsthaftigkeit seiner Situation scheint er mit seinen eigenen Gefühlen zu spielen, sie auszuloten. Das Publikum ist dabei genauso sein Feind (ein unbekannter, der allerdings die Gesetze, die ihn jagen, unterstützt) wie der hinter dem Vorhang, der sich am Ende des Stücks als die Milizen entpuppt, die ihn verfolgen, fangen, schlagen und … Der Lärm hinter der Bühne droht immer wieder, seinen flammenden Appell, seine heftige Anklage zu unterbrechen und zu beenden.
Den Schluss des Stücks bilden die ersten 5 Takte im Krebs gespielt.
Das Werk wurde als Prolog zu einem Abend mit 4 Einaktern geschrieben, die sich alle dem Thema Exil verschrieben haben. Es kann aber auch in Kombination mit anderen Werken oder allein, szenisch oder konzertant, aufgeführt werden.
Für die Aufführung im Verband mit anderen Einaktern hat der Komponist mit dem harmonischen Material des Prologs einen Überleitungsmarsch geschrieben, der als Verbindung zu dem Werk dienen kann, das bei einer Aufführung dem Prolog nachfolgt.

 

Libretto

 

… man hört Schüsse, Schreie, Trillerpfeifen

Der Namenlose (in Lumpen gehüllt, mit Augenbinde, auf einer Krücke, einen Verband um den Arm) wird auf die Bühne vor den Vorhang gestoßen, humpelt eilig auf eine Seite, versucht zu verschwinden, und wird wieder auf die Bühne gedrängt …

Er kann nicht mehr, sieht plötzlich das Publikum und erschrickt.

(zeigt mit der Krücke aufs Publikum)

Was starrt Ihr mich alle an?
Ha, so sehe ich Euch jetzt von Angesicht zu Angesicht,
Ihr Unnahbaren, die Ihr Euch durch Eure Worte, Paragraphen und Mauern schützt.

Wo sind sie, Eure Wunden, Krücken, Ängste, Nöte?
Eure Mörder, wo warten sie auf Euch?

Habt Ihr denn solch große Angst vor uns, unsren Krankheiten,
unsrer Armut und unsren Unzulänglichkeiten?

Man hört einen dumpfen Schlag und gedämpften Schrei hinter der Bühne.

Viel wurde mir erzählt,
Manches habe ich gelesen.

Die Bilder, die Euren Reichtum, Eure Spiele preisen.

Das Vergessen, das Ihr uns schenkt.

Werbung, die uns mit Eurer Gier vergiftet,
Gesehen habe ich sie und auch erlebt.

Das Spiel mit der Macht des Geldes,
Mit dem Ihr Euren Willen durchsetzt,
die Welt zupflastert, die Menschlichkeit erstickt
und heuchlerisch Almosen verteilt,
Euer Gewissen zu erleichtern,
die Macht, uns und unsre Natürlichkeit zu kaufen,
unsren Boden und unser letztes Gut zu plündern,
dieses Spiel beherrscht Ihr gut!

Ihr jongliert mit dem Geld wie andere mit Äpfeln,
deren Wert Ihr auf unsre Kosten festsetzt, wie es Euch beliebt.

Es kratzt Euch nicht, dass sich viele die Früchte des eignen Bodens
nicht mehr leisten können,
den Ihr an euch reißt, und in kurzer Zeit als Wüste wieder verlasst.

Ihr stehlt die Schätze des Bodens, der uns leben lässt
und gebt uns dafür Euren Unrat und Euer Gift,
für das Ihr unsren Dank wollt.

Denkt Ihr wirklich, dass wir blind sind, und das nicht sehn?

An Eure Türen klopfen täglich Tausende, Nein! Millionen!

An den Stacheldrähten Eurer Bastionen sollen sie verbluten.

Die Verzweiflung in überfüllten Booten und engen Verstecken
quittiert Ihr mit Achselzucken.

Waffen habt Ihr entworfen, um die Bittsteller abzuwehren.

Wenige nur schaffen es in Eure Konzentrationslager
und diese quält ihr dann mit Euren Gesetzen und Eurem Zynismus.

Regeln, auf die Ihr Eure Kraft und Produktivität vergeudet habt,
nur damit sie Euch das Trugbild von Ordnung und Gerechtigkeit vorspielen
mit dem Zweck, das schwache Gewissen zu beruhigen.

Ihr sät Zwietracht, verkauft uns Eure Waffen und besudelt unsren Geist und Glauben.

Habt Ihr nichts zu gewinnen, verschränkt Ihr Eure Arme,
wenn Kain den Abel erschlägt.

Begehrt Ihr unsre Frauen, dann verleugnet Ihr die Kinder, die Ihr gezeugt habt,
ja, ihr lacht, wenn Ihr sie erniedrigt.

Wehren wir uns, so nennt Ihr uns Terroristen,
wenn nicht, dann behandelt Ihr uns wie Schwächlinge und Dummköpfe,
die nicht wissen, was sie tun.

Ihr wundert Euch, wenn Eure Arroganz und Ignoranz,
Eure Eingriffe in unser Denken und Fühlen,
Eure Schuld an der Versklavung unsrer Brüder und Schwestern
so viele immer heftiger an alle Türen klopfen lässt.

Ihr wärt uns gerne los, versucht Ihr aber unsre Trennung von Eurem Körper,
dann verliert Ihr die Substanz des Lebens, Euer Blut!

Eure Orte wären Geisterstädte,
Unkraut wucherte in Euren Gärten,
die Natur nähme sich das zurück, was sie durch Euch verlor.

Man hört Lärm hinter der Bühne.

Argwohn bestimmt Euer Leben, Argwohn und Furcht,
jemand könnte mehr erreichen als Ihr selbst.

So kriecht das Gift in Euer Leben und nichts tut Ihr, ihm zu entkommen.

Der Vorhang wird zur Seite gerissen. Man sieht Stiefel und Maschinengewehre.

Eure Würde habt Ihr längst verloren,
wollt über uns richten!
Dabei beherrscht Ihr Euch nicht einmal selbst!

Hinter der Bühne hört man Schimpfen und Fluchen. Milizen tauchen mit gezückten Pistolen aus dem Hintergrund auf. Der Namenlose weicht ihnen aus und sieht sich um.

So frag ich Euch:
Wer ist da schwach?

… er wird allmählich eingekreist … er wird mit Knüppeln bedroht

Ihr oder wir,

… wird niedergeknüppelt … windet sich vor Schmerzen …

Ihr oder wir

verliert allmählich das Bewusstsein und lallt …

… oder wir oder Ihr …

Der nur mehr zuckende leblose Körper wird rasch nach hinten geschleift. Die Milizen verschwinden mit ihm.
Vollkommene Stille.