Gesamtaufführungsdauer: 25 Minuten
Danse Visions
I. Satisfaction. Tango-variations (1985)
(Satisfaktion. Tango-Variationen)
»Dédicacé à la mémoire d’Alberto Ginastera et au créateur du ›tango nuevo‹ Astor Piazzolla.«
Besetzung: für Violine und Klavier
Uraufführung: 1986, New York, Carnegie Recital Hall, durch René Staar
Aufführungsdauer: ca. 9 Minuten
Notenmaterial: ECA Nr. 72002/01 Partitur (Ausschnitt, Pdf)
Hörprobe:
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René Staar - Danse Visions - I - Satisfaction |
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René Staar, Violine
Harald Ossberger, Klavier
II. Audace. Incitations de Rock (2025)
(Kühnheit. Anreize der Rockmusik)
»À la mémoire de Jimi Hendrix«
Besetzung: für Violine und Klavier
Aufführungsdauer: 7'50''
III. Fusion. Traogck Amalgame (2026)
(Fusion. Traogck Amalgam)
»À l'avenir de rythme musical«
Werknotizen:
Fast 41 Jahre hat es vom Beginn der Idee dieses 3. Divertissement Suisse op. 10 »Danse Visions« hin zur Fertigstellung im Februar 2026 gebraucht. Die erste der Tanzvisionen entstand binnen weniger Wochen im Frühjahr 1985, die Weiterführung der Komposition musste danach oftmals wieder und wieder aufgrund neuer drängenderer Projekte verschoben werden.
2025 entstand bis Mitte Mai endlich die zweite Danse Vision, die Komposition der dritten entfaltete sich ab August 2025 und wurde am 7. Februar 2026 abgeschlossen.
Zentrale Idee dieses letzten Stücks ist dabei der Übergang vom Vier- in den Fünfklang und damit das wichtigste Element, um aus den sechs Divertissements einen vollwertigen Zyklus zu machen.
Im einzelnen zu den drei Danse Visions:
Die I. Danse Vision mit dem Titel »Satisfaction. Tango-variations« entstand 1985 und ist dem Gedenken an zwei argentinische Komponisten gewidmet: Alberto Ginastera und sein Meisterschüler Astor Piazzolla. Mit Ginastera und seiner Frau Aurora Natóla verband mich eine weltoffen neugierige Freundschaft.
Die typischen Eigenschaften der Milonga und des Tangos faszinierten mich damals und ich legte einen Katalog von Varianten des Tangorhythmus an, der den traditionellen 4/8-Takt überschritt und eine Weiterentwicklung in den 5/8-Takt und in frei wechselnde Metren einbezog. Als diese Vorarbeiten soweit waren, dass an eine Realisierung zu denken war, trat der ORF mit dem Angebot an mich heran, neue Werke (auch eigene) einzuspielen, was den Entstehungsprozess der ersten Danse Vision immens beschleunigte. Das Stück wurde innerhalb von etwa vier Wochen geschrieben, geprobt und aufgenommen. Ein Grundrhythmus mit 3+3+2 Sechzehnteln wird dabei zum – am Ende wiederkehrenden – Hauptelement des Stücks, dazwischen liegen durchführungsartige, aber auch kontrastierende (ruhigere) Teile.
Auch die II. Danse Vision wurde im Sommer 1985 begonnen und als kritischer Kommentar zur – damals wie heute – landläufig repetitiven, enervierenden und seichten amerikanischen Rockmusik konzipiert. Im Laufe der Jahre nahm ich jedoch die Rockmusik von Jimi Hendrix als einen Wert für sich wahr. Zwei Umstände hemmten dabei den Fortgang der Komposition: neben zeitlichen, räumlichen und beruflichen Veränderungen fand eine mehrmalige Neupositionierung meiner künstlerischen Absichten statt, die durch neue Erfahrungen, genauere Informationen und neues Wissen ausgelöst wurde. Der mehrmalige neue Ansatz zur Komposition dieses Stücks ist darauf zurückzuführen.
Modell für die vier Teile der II. Danse Vision sind nicht nur Rockrhythmen, sondern auch der melodische und harmonische Duktus einiger der wichtigsten Nummern von Hendrix, wobei der Umwandlungsprozess das Stück in einen »hybriden Schmetterling« verwandelt: harmonisch vor allem als Verschmelzungsprozess von Chromatik, Pentatonik und der von mir gebauten vierstimmigen Harmonik, dabei eine Weiterentwicklung der in der I. Danse Vision auftretenden dreistimmigen Harmonik.
In der III. Danse Vision steht TRAOGCK für die Fusion der Beiden Begriffe Tango und Rock – zur Verschmelzung in ein Amalgam nicht bloß der Buchstaben, sondern auch der Rhythmen und Harmonien der beiden vorangegangenen Danse Visions. Ihre Herkunft aus verarmten, verelendeten Bevölkerungsschichten, aber auch die Tendenz, schwache Taktteile zu betonen, macht beide Musikrichtungen verwandt.
Sehr flott und zügig prallen gleich von Anfang an verschiedene Möglichkeiten dieser Betonungen zwischen Geige und Klavier aufeinander. In immer neuen Gestalten manifestieren sich zwei Grundmuster, verwoben ineinander. Auch der beständige Wandel von vierstimmiger zu fünfstimmiger Harmonik trägt zur pulsierenden Kraft des Stücks bei, um letztendlich in einer aufgeheizten Stretta immer drängender vorwärts zu stürmen – um sich am Ende Moreno-diminuendo zu verlieren...
Den Anstoß zur Wiederaufnahme des Projekts gaben der erfolgreiche Abschluss des kleinen, auch bereits 1985 begonnenen 4. Divertissement Suisse op. 10/4, das 2022 fertiggestellt wurde, und die Komposition des 6. Divertissement Suisse op. 10/6, das als Krönung des gesamten Zyklus zwischen Juli 2022 und Dezember 2023 entstanden ist.
Eigentlich gehören alle Divertissements Suisse (siehe Op. 10) aufgrund ihrer tänzerischen Anlage auch in den Bereich klassischer Unterhaltungsmusik, nirgends aber tritt dabei das Experimentelle mehr hervor als in diesen Tanzvisionen. Experiment und Tradition halten sich hier die Waage, deshalb ist das Werk auch in der Rubrik „Pop Revolution“ gelistet.