Auftragswerk der Tonhalle Düsseldorf für Adam Fischers jährlich stattfindendes Menschenrechtskonzert

 

auf Texte von Aslı Erdoğan, Cem Özdemir, René Staar, André de Bouchet, Giuseppe Ungaretti und Jannis Ritsos

Besetzung: für Sopran, Sprechstimme, Chor, ungarisches Cimbalom und Orchester
Uraufführung: am 19. März 2022 in der Tonhalle Düsseldorf mit Marisol Montalvo (Sopran), Sylvie Rohrer (Sprecherin), Enikö Ginzery (Cimbalom), den Düsseldorfer Symphonikern und dem Chor des Städtischen Musikvereins zu Düsseldorf unter der Leitung von Adam Fischer
Aufführungsdauer: 22 Minuten

 

Eine im Jahr 2020 ausgearbeitete Textcollage, deren zentraler Kern aus verschiedenen Textfragmenten der türkischen Journalistin und Schriftstellerin Aslı Erdoğans besteht, bildete den Ausgangspunkt meiner Arbeit am vorliegenden Stück. Diese eindrucksvollen Texte werden von einer Sprechstimme vorgetragen, die von anderen Texten umrahmt werden. Zwei Gedichtzeilen aus André du Bouchets Le monteur blanc bilden das Motto des Werks: Der schwarze Ast am Himmel und der unterdrückte Schrei symbolisieren dabei die Mahnungen, die mit den Berichten des investigativen Journalismus an uns alle gerichtet werden. Dieses Motto wird am Beginns des Werks vom Sopran vorgetragen, während das Orchester aus vier verschiedenen, zunächst einzeln hörbaren Intervallen eine fünfstimmige Harmonik entwickelt.

Es geht in diesem Stück um jene, die den Mut und die Kraft aufbringen, uns über das oft verborgene Unrecht aufzuklären, das tagtäglich in unserer Welt geschieht. Denn die Pressefreiheit wird immer häufiger angegriffen, und Journalisten wird ihre Arbeit nicht nur durch politischen, sondern auch durch gesellschaftlichen Druck erschwert, sie werden immer häufiger bedroht, beschimpft und auch ermordet. Eine Stele auf ermordete Journalisten, die auf wiederkehrende quasi rituelle Beschwörungen einzelner Namen errichtet wird, bildet eines der zentralen Elemente des Werks.

Die Textteile von Aslı Erdoğan schildern drei Situationen: das Verschwinden einer geliebten Person und die Unsicherheit, ob man diese je wiedersehen wird; dann die Empörung über das Unrecht und die Verpflichtung des Berichterstatters, nach Wahrheit zu suchen, die in den Worten gipfelt: »ich will nicht schuldig sein an der Ermordung von Menschen und auch nicht an der Ermordung von Worten«; und schließlich Trauer um den Verlust an Lebensfreude und das Gefühl der Leere nach all den Kämpfen um die Wahrheit. Ursprünglich aus der Essaysammlung Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch (München 2017) ausgewählt, wurden diese Textfragmente zu einem dichten Gewebe destilliert, das Ausgangspunkt eines vielschichtigen, sich auf ein harmonisches intervallbezogenes stets fünfstimmiges Geflecht beziehenden Konzepts wurde.

Als Einleitung für den ersten dieser drei Sprechteile fungiert ein Männerchor mit einem Text von Cem Özdemir, der sich auf die Verfolgung von Journalisten nach dem letzten versuchten türkischen Putsch bezieht und musikalisch an einen danse macabre erinnert. An wichtigen Stellen des Stücks werden zwei Gedichte eingeflochten, als dramatischer Höhepunkt Giuseppe Ungarettis Gedicht Non gridate più und am Ende Jannis Ritsos Gedicht Επίπεδα διαρκείας [Ebenen von Dauer], das eine erlösende Sicht auf das von Menschen herbeigeführte Leid durch das von Glockentönen begleitete Bild der aus Gräbern aufsteigender Geister herbeiführt. Die Gedichte werden vom Sopran gesungen, während der Chor als Kommentar oder Antwort Laute von sich gibt oder in eine Art Zwiegespräch mit den Solisten tritt.