Besetzung: für Harfe solo
Aufführungsdauer: 5’33’’
Uraufführung: am 15. Januar 2020 in Wien, durch Gabriela Mossyrsch

Erschienen bei Edition Contemp Art (Verlagsgruppe Hermann),
erhältlich über www.schott-music.com
Bestellnummer: VGH 2703-70

 

Die zwölf Nummern des Zyklus Metaphysischer Jazz op. 22q bis für Akkordeon Solo beinhalten auch das Stück »… von dieser Sterneinsamkeit zu jener Sterneinsamkeit …«. Der Titel – eine Gedichtzeile von Giuseppe Ungaretti, übersetzt von Paul Celan – provozierte eine fünfstimmige Harmoniefolge, die durch verschiedene Gesetzmäßigkeiten miteinander verbunden ist, und die in der »1. Lesung« für Akkordeon eine insgesamt einfache Realisation erfährt durch anfänglich aufwärts strebende Phrasen, gefolgt von sinkenden Phrasenbildungen im zweiten Teil, bei gleichbleibendem Tempo. Intensivierungen werden nur über Dynamik und rhythmische Kulmination erreicht. Mit anderen Worten: es ziehen quasi die Sterne einer Galaxie aneinander vorbei.

Die neu vorliegende 2. Lesung für Solo-Harfe – zur Gänze mit den gleichen fünfstimmigen Akkorden wie die 1. Lesung komponiert – verfolgt ein anderes Konzept: der erste Teil einer im Prinzip zweiteilige Form ist ein lebendiger Organismus mit sehr vielen thematisch divergierenden Abschnitten, die sich allmählich beruhigen. Der zweite Teil hebt sehr ruhig, ja mysteriös an, um allmählich lebendiger zu werden, bis er in den letzten Takten gleichzeitig rascher und leiser wird, sich also verflüchtigt.

Die Kleingliedrigkeit im ersten Teil steht für die Greifbarkeit der Materie, die aus vielen verschiedenen Charakteren besteht – vom Dramatischen über das Spielerische bis hin zum Mysteriösen und Tänzerischen, um nur einige zu nennen. Im zweiten Teil dagegen dominiert die große Linie, die sich ganz mystisch aus der Schlussfermate des zweiten Teils herauslöst, so als ob man als Astronom plötzlich bemerkt, dass sich hinter einer Galaxie ein Himmelsobjekt befindet, das ganz anders geartete Signale aussendet – vielleicht akustische Wellen?

Zwei Lesarten ein und desselben Materials und die Auslotung ihre Beziehung zueinander: das findet sich bereits in einem früheren Werk und seinem Parallelwerk. In beiden wird ein und dieselbe Idee gespiegelt, zwei mikrotonale Visionen des B-A-C-H-Motivs: die erste in der Réminiscences sur le nom de B.A.C.H., Premier Vision op. 22 avant f, die zweite als 3. Satz der Descendances imaginaires op. 22f.

So gibt es im gesamten Opus 22 noch viele andere Querverbindungen, die es zu einem Gesamtkunstwerk, einer Art modernen Harmonielehre, verschmelzen lassen.